âme: Von Herzen

âme, Barcelona
Ambiente 7
Service 9
Getränke 6,5
Essen 7,4
Gesamteindruck 7,5

Meine Bewertung: !Madre Mia! ¿Qué narices es esto? Ein Restaurant, von dem ALLE schwärmen?! Betrieben von einem der sympathischsten Wirte, die ich kenne. Auf Sterne-Niveau. Was will man mehr?

Die Geschichte hinter dem Restaurant

Das heutige Abendlokal animiert zu einem kleinen Spiel, ich nenne es "Finde den Haken". Das Spiel geht wie folgt: Man suche sich kreuz und quer durchs Internet - KI-Nutzung ist erlaubt - und finde einen negativen Aspekt an diesem Restaurant im Herzen von Barcelona. Das Spiel ist verdammt schwer, definitiv ab 18.

Los geht's auf Level 1, ganz klassisch, mit den Google-Bewertungen: 5.0 (von 5) bei 274 Bewertungen. Nicht schlecht, Herr Specht. 

Jetzt wird's anspruchsvoller: 4,9 (von 5) bei nur 19 Bewertungen auf TripAdvisor. Oh, oh, ist das der Anfang eines schonungslosen Abstiegs in die Niederungen gewöhlicher "war ganz lecker"-Gnädigkeit? Das Spiel scheint abwechslungsreich zu werden.

Bei TheFork dann 9,9 (von 10) bei 106 Stimmen - das Essen allein gar bei 10.

Dann im Advanced Mode ins Reddit-Forum: Zu sagen, dass die Leute schwärmen, wäre stark untertrieben. Viele Michelin-Star-Chaser berichten von einem ihrer besten Essen überhaupt. Doch dann, na endlich! Kritik! Auch an den Gerichten. Etwas fad - überschätzt - nicht ausgereift genug. Durchatmen. Hat das Spiel seinen Höhe- und Wendepunkt im Spannungsbogen erreicht? Näher hinsehen…

… Zu früh gefreut! Der Autor ist einer Verwechslung mit einem ähnlich klingenden Lokal aufgesessen. Also immer noch alles im Optimalbereich.

Damnit, dieses Spiel lässt Ghost 'n Goblins wie einen Spaziergang auf gut ausgebauten Wegen durch den Wald der freundlichen Eichhörnchen erscheinen.

Tatsächlich handelt es sich um das âme von Pachi Rodriguez. Rodriguez hat baskische Wurzeln, wurde geboren und ist aufgewachsen in Venezuela, zog dann in die USA, um Chemie zu studieren. Danach arbeitete er in Venezuela sowie Frankreich und kündigte irgendwann kurzerhand seinen Job, um seinem Traum zu folgen und Koch zu werden. 

Es folgte eine echte "Vom Tellerwäscher..."-Story (ohne den Millionärsaspekt, obwohl - das weiß ich jetzt schon - ich ihm das vier Milliarden mal mehr gönnen würde als bestimmten Staats- und Konzernlenkern, die derzeit unseren Alltag prägen). Er war also Tellerwäscher in Washington und arbeitete sich über viele kleinere Restaurants nach Katalonien vor. Vor 2 Jahren tat er das, worauf es irgendwie immer hinauszulaufen schien, obwohl dann doch wieder nichts so schien: Er eröffnete sein eigenes Restaurant âme.

Die Erfahrung

Wir besuchen das Restaurant an einem Abend mit wenig Publikum. So ist außer unserem nur ein Tisch besetzt - allerdings kann man in Spanien nicht ausschließen, dass kurz vor 22 Uhr noch die Massen hereinströmen (passiert heute aber nicht). Das Lokal ist nett, klein, mit angenehmem Ambiente.

Der erste Gang ist ein Mus aus Kastanie und Süßkartoffel: konzentrierte Salzigkeit mit schöner Cremigkeit in einem Gericht, das seine Stärken weniger im optischen, aber durchaus im geschmacklichen Bereich hat (7). Als nächstes kommt ein Garnelengebilde, ein Tatar vom Blauflossenthunfisch, Zwiebelsuppe und ein Sauerteig-Gebäckstück mit Comté auf den Tisch. Hier erfreut der tolle Schmelz beim Krabbencracker, der nachhaltig im Mund wirkt. Das Tatar ist würzig und lang, mit zarter Säuerlichkeit. Der Käse kommt im Gebäck stolz zur Geltung. Die Zwiebelsuppe ist elegant und gut gewürzt (7,5).

Dann folgen geröstete Pilze mit Kastanie und Essig. Wieder erdig, würzig und trotzdem dezent. Ein für mich neuartiger Pilzgeschmack fasziniert, allerdings ist alles eine Spur zu zurückhaltend (7). Als nächstes Salsifis (Haferwurzel), ein Wurzelgemüse mit leicht süßlichem Geschmack, der an Artischocken erinnert, mit Gelber Bete und Topinamburschaum. Eine überzeugend konzentrierte “Wurzelpower” mit aromatischer Cremigkeit, aber einige Gerichte ähneln sich doch sehr (7,5).

Als nächstes wird Gelbschwanzmakrele mit Tomaten, Rettich und Algenessenz serviert. Hier wird sehr mit Säure und Bitterkeit gespielt; ein ungewöhnlicher japanischer Umeboshi-Geschmack zeigt Präsenz (6,5). Dann geht es weiter mit einer Garnele mit Popcorn-Polenta. Ein schönes Stück Meer, aber auch eine sehr (zu) buttrige Creme (6,5).

Die Forelle mit Beurre Blanc und Feigenblattöl liefert wieder eine sehr buttrige Sauce, aber auch einen wunderschön zart-schmelzigen Fisch und Kaviar als verlässlicher Lieferant frisch-fischiger Spritzer. Das schmeckt exzellent, könnte aber etwas wärmer sein (8). Derweil kommt die Rinderlende mit Pfeffer-Pilz-Sauce als perfektes Stück, stolz gesalzen, mit vollem, erfüllendem Geschmack und doch wieder leicht zu kalt (wobei ich auch zu lange gewartet habe) (8).

Nun folgt "Squab" - eine sehr junge, domestizierte Taube - mit Karotten. Das Fleisch ist sehr zart und aromatisch, aber zu salzig und kalt (7,5; kein Foto). Der Käseteller beinhaltet neben Ziegenkäse in Asche, Triple-Cream aus dem Burgund, Mimolette, Comté und einer reizvollen Zubereitung aus Schafsmilch auch säuerlich-süß eingelegte Kumquats. Was für eine gelungene Auswahl! Und die Kumquat ist - bei all der Einzigartigkeit der Käseauswahl - der eigentliche Star des Tellers (8).

Originell und irgendwie auch klassisch geht es mit einem Erdbeersorbet an Champagnerschaum weiter. Das passt ganz großartig zusammen und schmeckt auch noch herzerwärmend (wobei: Ist es dafür nicht zu kalt?) (8). Den Abschluss macht die Signature-Nachspeise, die den klassischen britischen Sticky Toffee Pudding in mediterraner Nuancierung nachbildet. Ein warmer, saftiger Dattelkuchen kommt mit einer Karamellsauce daher, die durch Tonka eine komplexere Note erhält. Das Ganze wird mit einem Schuss Olivenöl und einer Prise Fleur de Sel abgerundet; obenauf thront eine Quenelle Fior di Latte. Appetitlich und schick (7,5).

Zu trinken gibt es einige wenig spektakuläre Weine v. a. aus Spanien und Frankreich, die auf einer kleinen, fair bepreisten Karte verzeichnet sind.

Pachi Rodriguez ist von A bis Z extrem herzlich, lustig und enthusiastisch. Wären alle Gastronomen (oder: alle Menschen) so, würden wir uns vermutlich einer Menge sozialer Dysfunktionalitäten in unserer Gesellschaft entledigen und einfach gerne an solchen Orten weilen. In einer Rezension habe ich gelesen, der hiesige Wirt hätte den Autor unvermittelt ins Gesicht schlagen können und dieser wäre trotzdem beschwingt von dannen gezogen. Das trifft es ganz gut (wobei die Probe aufs Exempel aussteht, womit ich ganz gut leben kann). Klar, ein derart einnehmender und individueller Service von einer mehrköpfigen Crew toppt das noch mal (so bspw. im Alchemist oder Waldhotel Sonnora erlebt), aber auch als solch familiäre Angelegenheit ist das eine wahrlich große Gastfreundschaft.

Und das kann auch gut als Fazit stehen bleiben. Vielleicht noch mit der Ergänzung, dass ich das âme nicht als eines der besten unbesternten Restaurants titulieren will. Eher als modellhaftes, beispielgebendes Wohlfühl-Kleinod in der Gourmetwelt, dessen (Michelin-)Stern bei nächster Gelegenheit endlich aufgehen möge.

Ambiente 7

Service 9

Getränke 6,5

Essen 7,4

Gesamteindruck 7,5

Was die anderen sagen

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Disfrutar: Dekonstruiert und zusammengesetzt