Pulp Friction

GASTREZENSION

Mark Mylods Film "The Menu" aus 2022 - übrigens beratungstechnisch begleitet von Dominique Crenn vom kalifornischen Dreisterner Atelier Crenn - kann durchaus als gelungene Parodie auf die Fine-Dining-Szene und ihre Jünger bezeichnet werden.

Er bildet die extreme Besessenheit von Produktqualitäten, lukullischen Optimierungen und v. a. avantgardistischen Übersteigerungen ab und führt die Szene in grotesker Überspitzung in ein Horrorszenario.

In einer Schlüsselszene des Filmes erinnert die Protagonistin Margot den Chefkoch Slowik (Ralph Fiennes) an seine Wurzeln als Burgerbrater und fordert - anstelle des hochelaborierten und ziemlich fatalen Menüs - einen "well-done Cheeseburger" ein.

Die Frage soll an dieser Stelle sein, ob ein bodenständiger Fast-Food-Klassiker einen womöglich in dieselben Wonnen entführen mag wie das Degustationsmenü einer ausgebildeten Spitzenköchin.

Klar: So ziemlich jede/r Gourmet (und auch viele Sterneköche, wie u. a. Christoph Kunz vom Komu neulich gestand) hat - gar nicht so selten - richtig Bock auf eine fettige Pizza, eine Currywurst, einen Döner oder gar Ronalds Fleisch-Kartoffel-Tomaten-Küche. 

Aber sind es ungelegene bzw. klandestine Zeitfenster, die sich da öffnen - nach einem langen, feuchtfröhlichen Abend im Kiez, beim Warten in der Kantinenschlange nach einem trüben Arbeitsvormittag, als Begleitung einer jugendlichen Truppe vor dem Popcorn-Blockbuster-Kino? Die sich dann wieder schließen und neben dem schalen Restgeschmack von Frittierfett und Mayo dumpfe, ungute Schläfrigkeit und ein schlechtes Gewissen zurücklassen? 

Ist es die Sucht nach Aktivierung des körpereigenen Belohnungssystems mit Dopamin-Kick und Blutzucker-Peak, die jeden ambitionierten Geschmacksnerv maliziös überlistet? 

Oder kann Fast Food auch im Rahmen des hiesigen Bewertungsmodells, das neben schneller Gefälligkeit im Mund auf Komplexität, Zusammenspiel, Eleganz und Länge schaut, geschmacklich überzeugen?

Machen wir den Test - mit den drei besten Burgern der Welt (gemäß "The World's Best Burgers" auf dem Portal World's Best Steak Restaurants).

Nummer 1: Hundred Burgers, Valencia (19. März 2026)

Hundred Burgers wurde 2020 von Alex González-Urbón und Ezequiel Maldjian gegründet, nachdem sie 2017 nach New York gereist waren, um dort die 15 besten Burger der Stadt in vier Tagen zu essen. In den darauffolgenden drei Jahren besuchten sie 22 Länder und aßen über 300 Burger, um ihren eigenen zu entwickeln. 2025 wurde Hundred Burgers für 250 Millionen Euro verkauft. Die Kette betreibt nun fünf Restaurants in Valencia und drei in Madrid. Nun gibt es den angeblich besten Burger der Welt dort.

Kaum in Valencia angekommen, machen wir uns auf zum Haupthaus. Dieses findet sich direkt in der Innenstadt. Entgegen meinen Erwartungen werden wir aber am frühen Nachmittag abgewiesen. Ohne Reservierung geht nichts. Glücklicherweise können wir per Handy einen Tisch für ein frühes Abendessen (nicht nur für spanische Verhältnisse) reservieren. Pünktlich um 17:15 Uhr finden wir uns ein und werden vom Personal an unseren Platz gebracht. Das Haupthaus soll wohl die Atmosphäre einer Studentenparty in einem amerikanischen Ivy-League-College einfangen.

An den Wänden finden sich Bücherregale, in denen sich sporadisch neben Schrifterzeugnissen und Globussen vor allem Sportanleihen wie Boxhandschuhe, Wimpel usw. einreihen. Im Keller steht ein Bierpongtisch. Das ist alles nett gemacht.

Wir entscheiden uns für Klassiker und bestellen den Singular und als etwas pubertäre Reminiszenz an American Pie den „La Madre de Stifler“, dazu normale und Süßkartoffelpommes mit Ketchup. Bei der Bestellung werden wir gefragt, wie wir das Fleisch gerne hätten. Wir entscheiden uns für medium und medium+. Als Vorspeise soll es eine Pulled-Chicken-Krokette geben.

Die Getränkeauswahl ist für einen Burgerladen mehr als ordentlich. Neben Cola, Wasser usw. gibt es auch Wein und selbstgebrautes Bier. Wir entscheiden uns aber für Cola.

Die Krokette und die Getränke werden zügig serviert. Die Cola kommt im Hipster-Einmachglas. Die Krokette ist angenehm cremig und man kann auch ein wenig Zwiebel rausschmecken (6). Die Freude auf den Burger steigt. Nach kurzer Wartezeit kommen auch die Burger mit den Pommes. Die normalen Pommes sind dick geschnitten, aber nichts Besonderes. Sie sind ohne Anspruch kreiert; nur die Würzmischung weiß zu gefallen (5). Zu meiner Überraschung wird im Restaurant, das sich rühmt, den besten Burger der Welt zu kredenzen, wie bei McDonald’s eine Tüte Heinz Tomato Ketchup zu den Pommes gereicht. Selbstgemachte Soßen? Fehlanzeige. Die Süßkartoffelpommes sind kalt. Wir reklamieren sie und der Kellner verspricht, bald neue zu bringen.

Wir wenden uns daher den Burgern zu. Der Singular, seines Zeichens der “beste Burger der Welt”, besteht aus einem Dry Aged Patty, Cheddarkäse, BBQ-Sauce „von Mama“, Bacon, karamellisierten Zwiebeln und Camembertcreme. Das Fleisch ist sehr ordentlich. Für meinen Geschmack hätte es noch einen Tick länger braten können, aber das passt. Damit hört es aber auch schon auf. Das Brötchen ist kalt und pappig. Die anderen Zutaten harmonisieren nicht. Die karamellisierten Zwiebeln haben einen merkwürdigen Eigenschmack. Der Bacon ist nicht kross, sondern verbrannt. Ansonsten ist der Burger fade und belanglos. Ob die Sauce selbst gemacht ist oder von Heinz kommt, kann ich nicht sagen. Hier bleibt nichts in Erinnerung - außer meiner Enttäuschung. Ist das der beste Burger der Welt? Nein, das ist mies (4).

Zu Stiflers Mutter. Der Burger hat zwei Dry Aged Patties, amerikanischen Käse, geräucherten Bacon, hausgemachte Essiggurken und BBQ-Sauce von Mama (von Stifler?). Das Patty ist sehr gelungen, eher medium als das bestellte medium+. Die Fleischqualität ist einwandfrei. Die Gurken sind schmackhaft, die BBQ-Sauce etwas zu mild. Auch hier ist der Bacon ein wenig zu dunkel geraten. Das ist essbar, aber wer mit FreundInnen zu Hause schon mal Burger gemacht hat, kriegt das auch gut hin (5).

Während des Essens sehen wir auf der Durchreiche von der Küche eine einsame Portion Süßkartoffelpommes stehen. Auch auf Erinnerung, dass diese noch fehlen, werden sie uns nicht serviert. Am Ende stehen wir auf und zahlen. Die Süßkartoffelpommes werden von der Rechnung genommen. Als wir das Lokal verlassen, stehen sie immer noch auf der Durchreiche, mutmaßlich - wieder - kalt.

Warum Hundred als bestes Burgerrestaurant ausgezeichnet ist, bleibt nach diesem Besuch unklar. Bei McDonald’s gibt es ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis. In jeder deutschen Kleinstadt findet man bessere Burger, die Hundred mehr als hundert Kilometer hinter sich lassen.

Ambiente: 6
Service: 4
Getränke: 6
Essen: 5

Gesamteindruck: 5,2

Nummer 2: Bleecker Burger, London (09. April 2026)

Ich komme relativ spät in London an und finde mich nach neun bei Bleecker Burger ein. 2010 aß Zan Kaufman, Anwältin in New York City, den besten Burger ihres Lebens. Sie zog 2012 nach London und beschloss, die Engländer mit der hohen Kunst des Burgerbratens zu begeistern. Zunächst verkaufte sie Burger aus einem Foodtruck, ab 2015 in einer Filiale. Inzwischen hat auch Bleecker Burger mehrere Filialen. Ich besuche die in der Baker Street. Der zweitbeste Burger der Welt wartet hier auf mich.

Ein Bildschirm zeigt die Optionen an. Offenbar ist man hier stolz auf seine Shakes. Neben den üblichen Getränkeoptionen, bestehend aus Limonade und Wasser, gibt es hier fünf verschiedene Shakes. An der Theke bestelle ich einen Double Cheeseburger (medium) und die Angry House Fries. Da ich mich gegenüber meinem Fitnesstrainer rechtfertigen muss, entscheide ich mich gegen einen Shake und für eine Cola Light. Ich werde nach Allergien gefragt (keine). Ich erhalte einen Pager und setze mich an einen Tisch.

Als der Pager vibriert, hole ich das Bestellte von der Theke ab. Es ist in Pappschachteln verpackt. Das Ambiente und der Bestellprozess haben etwas von McDonald’s.

Der Burger sieht schmackhaft aus. Zwischen den Brötchenhälften mit vielen Sesamkörnern liegen zwei Patties und zwei Scheiben American Cheese, alles an einer Haussauce. In der Pappschachtel hat sich ordentlich Fett angesammelt. Natürlich esse ich den Burger mit den Händen. Das Fleisch ist auf den Punkt medium, saftig und schön gewürzt. Die Sesamkörner schmeckt man nicht so sehr heraus. Der Käse harmoniert ziemlich gut mit dem Fleisch. Das ist klar überdurchschnittlich. Ist es der zweitbeste Burger der Welt? Eher nicht; er ist nur ziemlich gut (6).

Die Pommes sind handgeschnitten und werden von einer scharfen Sauce und der Haussauce bedeckt. Die scharfe Sauce erinnert an Sriracha, die Haussauce ist eine Mischung aus Ketchup, Mayonnaise, Senf und Gewürzen. Leider passt die scharfe Sauce nicht so richtig zu den Pommes und schmeckt billig (4,5). Dort aber, wo man Pommes ohne die scharfe Sauce erwischt, sind sie richtig gut. Angenehm salzig und außen schön knusprig (6).

Alles in allem ist Bleecker Burger eine solide Wahl, wenn man in London und dort in der Nähe einer der Filialen ist. Es lohnt sich jedoch nicht, hierfür längere Wege in Kauf zu nehmen. Dafür ist das gastronomische Angebot in der Stadt zu gut.

Ambiente: 4
Service: 5
Getränke: 5
Essen: 5,5

Gesamteindruck: 5

Nummer 3: Black Bear Burger, London (10. April 2026)

Nach zwei Jahren in der Skitourismusindustrie in Whistler, Kanada, beschlossen Stew und Liz, zurück nach Großbritannien zu gehen. Dort arbeitete Stew zunächst als Ölanalyst und Liz als Krankenschwester für Brandverletzungen. Sie wollten aber ihrer Leidenschaft nachgehen. Bei Stew war das das Kochen. Also eröffneten sie einen Imbissstand, um sich ein Stück vom 3,3 Milliarden Pfund schweren Burgermarkt zu sichern. Sie holten sich mit Tim Gee und Scott Collins Investoren an Bord und eröffneten Black Bear Burger in Shoreditch. Inzwischen betreibt Black Bear Burger drei Restaurants und ist in sechs Markthallen vertreten.

Ich betrete die Markthalle an der Oxford Street. Sie macht einen guten Eindruck. Es gibt Arcademaschinen und Pooltische. Dennoch bleibt es ein Food Court. Der Stand wird mit der Schwestermarke 20ft Fried Chicken betrieben. Das Hühnchen ignoriere ich.

Es sind nur vier Burger auf der Karte. Ich entscheide mich an der Theke für den Gewinner der britischen National Burger Awards 2025: Den Double Miso Bacon Burger - mit normalen Pommes und einer Cola. Die Getränkeauswahl ist begrenzt. Es gibt neben drei Milkshakes nur Wasser und Limonade. Ich werde wiederum nach Allergien gefragt und wähle medium als Garstufe. Ich erhalte einen Pager. Nach kurzem Warten und noch kürzerem Surren tausche ich ihn gegen ein Tablett ein.

Ich beiße in den Burger. Er besteht neben dem Sesambrötchen aus zwei Scheiben Fleisch, zwei Scheiben Käse, geräuchertem Bacon, Misobuttermayonnaise und Zwiebeln. Der Garpunkt wurde exakt getroffen - das Fleisch ist wunderbar saftig. Daneben spielen die Sesamkörner des Brötchens eine Hauptrolle. Die Zwiebeln sind angenehm karamellisiert, unterstützt von der Mayonnaise. Der Käse bringt eine gewisse Süße hervor, während der Bacon schön rauchig ist. Das ist ein richtig guter Burger (6).

Die Pommes werden vor Ort geschnitten und stehen dem Burger in nichts nach. Sie sind angenehm salzig und schön knusprig (6).

Ambiente: 4
Service: 5
Getränke: 5
Essen: 6

Gesamteindruck: 5,2

Fazit

Black Bear Burger ist für mich der beste der drei Burgerläden. Gleichwohl ist er „nur“ auf dem Level der besten Burgerläden, die man auch in Deutschland finden kann. Wenn man in London ist und Lust auf einen guten Burger verspürt, wäre Black Bear Burger meine erste Wahl. Is(s)t man in Valencia oder Madrid, sollte man vielleicht lieber Paella wählen.

Etwas abstrakter ziehe ich zwei Fazite:

Zunächst stellt sich die Frage, welche Lehren man aus derartigen “Best”-Listen zieht. Man kann sie als Inspirationsquelle nutzen, aber als echtes Ranking sind sie m. E. nicht komplett ernst zu nehmen. Deutsche Burger fehlen in der Liste beispielsweise gänzlich, dabei hat sich in Deutschland inzwischen eine lebendige und teilweise exzellente Burgerkultur entwickelt, deren Produkte es mit den (vermeintlich) besten Sandwiches der Welt aufnehmen können.

Und nun zur Frage, ob gutes Fast Food die gustatorische Erfüllung sein kann: Auch wenn man die Tatsache in Betracht nimmt, dass die Ambitionen hinsichtlich Ambiente, Service und Drinks hier natürlich nicht mit denen von Restaurantleitenden im Spitzensegment vergleichbar sind - selbst die (vermeintlich) besten Burger der Welt haben mit Gourmetküche wenig zu tun. Dafür haben sie aber einen viel nahbareren Preis und bedienen gleichwohl legitime Ansprüche und Gelüste. Und sei es der herzhafte Cheeseburger beim erleichterten Betrachten eines gigantischen Feuerwerks von einem Boot aus.

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