El Rincón de Juan Carlos: Die Botschafter

El Rincón de Juan Carlos, Teneriffa **
Ambiente 7,5
Service 8
Getränke 8
Essen 8
Gesamteindruck 7,9

Meine Bewertung: Die Brüder Padrón sind ein Dreamteam und wirken als bemerkenswerte Repräsentanten einer beeindruckenden kanarischen Gourmetküche. Und auch das Ambiente, die Getränke und der dezent-aufmerksame Service sind locker auf Zweisterneniveau.

Die Geschichte hinter dem Restaurant

Das zweite Zwei-Sterne-Restaurant auf Teneriffa neben Berasateguis M.B heißt El Rincón de Juan Carlos. Hier kochen die Brüder Juan Carlos und Jonathan Padrón. Sie stammen aus einer Gastronomenfamilie auf Teneriffa und haben die Leidenschaft fürs Kochen buchstäblich in die Wiege gelegt bekommen. Die Brüder arbeiten seit über 20 Jahren eng zusammen und teilen sich die Aufgaben: Juan Carlos Padrón León ist der Küchenchef und für den herzhaften Bereich verantwortlich. Jonathan Padrón León ist der Chef-Pâtissier. Die Ehefrauen kümmern sich derweil im Restaurant um den Wein.

Die Brüder sind fest mit den Kanaren verbunden und stolz darauf. Trotzdem zogen sie in jungen Jahren aus, andere Einflüsse aufzunehmen - sie arbeiteten u. a. im legendären El Celler de Can Roca. 2003 eröffneten sie das El Rincón am ursprünglichen Standort in Los Gigantes (Westküste Teneriffas). 2016 folgte der erste Michelin-Stern. 2021 zogen sie mit ihrem Restaurant an den aktuellen, exklusiveren Standort im Royal Hideaway Corales Resort in Adeje um. 2022 wurde dann der zweite Stern verliehen. Neben den beiden Sternen hält das El Rincón die Höchstwertung von drei Sonnen im Guía Repsol. Juan Carlos belegte ferner hohe Ränge bei spanischen Kochwettbewerben.

Beide betreiben weitere Restaurants auf den Kanarischen Inseln, darunter das Sternerestaurant Poemas by Hermanos Padrón auf Gran Canaria.

Die Erfahrung

El Rincón ist im obersten Stockwerk eines Hotels untergebracht, das man getrost als spitzengastronomisches Epizentrum der Kanarischen Inseln bezeichnen kann. Im Royal Hideaway Corales finden sich nämlich noch die jeweils mit einem Stern dekorierten Il Bocconcino und San-Hô und weitere Restaurants und Bars untadeligen Leumunds.

Die Hotelanlage liegt ganz im Norden der Costa Adeje, die eine interessante Linearität aufweist: Auf einer Reise von Süd nach Nord feiert man zunächst mit der Partycrowd bei McDonalds und 2€-Bier, macht dann Wasserspiele und plündert das Hotdog-Büffet in einfachen Pauschalhotels, hangelt sich weiter zu den Acai- und Poke-Bowls der gehobenen Familienhotels und landet schließlich in einem gastronomisch versierten Luxus-Resort, z. B. eben hier.

Das Restaurant ist auf den bemerkenswerten Blick auf Ort und Meer ausgerichtet und gefällt mit modernistischer Innenarchitektur, was den eher kleinen Speiseraum (10 Tische) aber auch ein bisschen kühl erscheinen lässt. Dies auch im wahrsten Sinne des Wortes - die Temperatur dürfte nämlich ein paar Grad höher sein. Es läuft Entspannungsmusik wie in einem Spa, während die personalisierte, auf Deutsch verfasste Karte ausgehändigt wird.

Den Start macht ein Nori-Sandwich mit Foie Gras und Forellenkaviar. Ein hochinteressanter Doppelklang aus Kaviar und Foie Gras mit knusprigem, süßlichem “Sandwich”, der auf Nori ausklingt (8,5). Es folgt eine kleine Garnele auf Teig mit Soja-Mayonnaise. Eine keksige Knusprigkeit als Motiv, hier von der schönen Garnele begleitet und alles sehr fein (8,5). Kabeljau mit Alge und Limette auf einem Cracker überrascht mit Cremigkeit und ganz dezenten Zitrusnoten bei erneut knusprigem Motiv, klebt aber störend an den Zähnen (8).

Eine Spinattartelette mit Yuzu ist erstaunlicher Weise die Vorspeise, bei der man das Meer am meisten rausschmeckt - und das, obgleich es die Zutaten hier gar nicht nahelegen. Schmelz, Harmonie und etwas Grünes, das im Mund bleibt. Top (9). Jetzt kommt knusprige Hähnchenhaut mit geräuchertem Aal, Teriyaki-Mayonnaise und Himbeerstaub. Eine brillante Kombination, die mit toller Hühnerwürze, leichter Säuerlichkeit und auch etwas Schärfe aufwartet (9). Und nun noch eine Rindertartelette mit Kaviar, oder - anders gesagt - ein Traum in Salz, Umami und komplexer Tiefe (9).

Ein exzellenter Start ins Menü - mit Motto, hochwertigen Zutaten und einer dezenten Eleganz, welche mit etwas Interpretationslust die Zurückhaltung der Kanaren im spanischen kulinarischen Orchester spiegeln könnte.

Jetzt geht es mit einer Zwiebelsuppe mit zerbröseltem Flan sowie Trüffel und Ziegenkäse-Eigelb-Brioche weiter. Die Suppe liefert Umami, Zwiebelwürze, Cremigkeit, Wärme und Länge. Die Brioche ist erlesen, mit Käseüberraschung innen und einer kurz aufflammenden, eleganten Süße. Wirklich beeindruckend (9). Der Brotservice kostet einen Aufpreis von 9 Euro, was seltsam anmutet, da man auch einfach 9 Euro auf den Menüpreis hätte aufschlagen können. Dafür gibt es hier u. a. großartiges Walnuss-Rosinen-Brot und knackiges Tomatenbrot (8).

Der nächste Gang lautet auf Miesmuscheln mit weißem Spargel an einer Rettichvinaigrette. Das ist eine asiatisch-spanische Vermählung mit diversen frischen Noten und wieder (leichter) Schärfe, Süße und Umaminote (8,5). Ein Tintenfisch-Empanada bzw. Dumpling mit Tintenfischsauce liefert erstaunlich viel Schärfe durch Wasabi und bildet insgesamt eine ungewöhnliche Kombination mit der cremigen, aber eher neutralen Buttersauce. Meines Erachtens nicht so gelungen in der Zusammenstellung, aber immer noch auf hohem Niveau (7). Ein kanarisches Blutwurst-Nougat mit gesalzener Mandelpraline hat etwas Chinesisches (Nuancen der Blutwurst), ist knusprig, mit toll dosierten Mandeln, oszillierender Schärfe und Karamell. Dazu passt ein handwerklich auf den Kanaren gekelterter Sherry - überwältigend (9). Es folgt kleiner Tintenfisch in eigener Tinte und Zitronenpüree. Das ist zu kalt und Knoblauch dominiert. Weitgehend geschmacksneutral bei zumindest überzeugender Zitronennote (6,5).

Capelletti mit Fenchel-Sardellen-Sauce stellen den "Pastagang" dar. Hier ist viel Joghurt (oder Sahne?) dran, der Fenchel ist gut dosiert, man denkt irgendwie an einen Wald in Italien. Hier gibt es weder Wald noch Italien, aber das ist trotzdem ein cremiger Hochgenuss (8). Und nun folgt eine Sellerieschale mit Sellerie-Toffee und Pinienkernen. Die kluge Verbindung aus Süße und Bitterkeit überzeugt, aber die Sellerie selbst hat mir a weng zu wenig Power (7). Nun erscheint ein Teller mit Hummer an weißem Knoblauch mit "candy" von roter Paprika. Großartige Produktqualität, wenig lenkt vom starken Hummer ab, nur die laue Temperatur ist (auf hohem Niveau) zu beklagen (8).

Ein erstes Hauptgericht ist Taube mit Roter Bete. Erstaunlich scharf ist das, was hier m. E. nur bedingt passt (aber schon eine gute Idee ist). Solide (7,5). Der Lammhals mit eingelegter Minze, Feta und Algen riecht nach grünem Tee. Das Fleisch ist so zart, dass es problemlos an der Gabel zerfällt (es wird gar kein Messer mitgeliefert). Ein wahrlich exzellentes Stück Fleisch, das angesichts von Algen und Grünteenoten völlig ungewohnt und originell wirkt, mit Bitterkeit und leichter Schärfe. Hier passt die erneut schräge Kombi sehr gut und macht den Teller zu meinem vielleicht besten Lammgericht (9).

Durchatmen. Nach dem Trainingslager fürs Aufnehmen großer Nahrungsmengen am Tag zuvor im M.B fühle ich mich gerüstet. Käse wäre jetzt schön (gewesen). Also wandert der Blick stattdessen auf die Dessertkarte und mich erfasst das nackte Grausen: Tomaten, Gurken, Senf - alles Zutaten, die ich gerne mag, aber, bei aller Offenheit, in herzhaften Speisen vorziehe. Danach Buttereis, Buttercreme und Knoblauch - allesamt Produkte, die ich zwar esse (ich esse praktisch alles), aber selten besonders schätze. 

Meinen schlimmsten Menüabschluss - ich habe ihn buchstäblich ausgespuckt - bekam ich mal im Berliner Restaurant Einsunternull vorgesetzt: eine Butterpraline, die nichts anderes war als ein Stück Butter, affektiert angerichtet. Es hat das eigentlich gute Menü komplett zerstört - das nennt man wohl den Recency-Effekt - und ist seither eine zuverlässige Quelle kulinarischer Albträume. Hier beginnt das Trauma wieder zu wirken und ich spüre schon den kalten Schweiß. Naja, Augen zu (Kamera an) und durch.

Das Tomaten-, Gurken-, Senf-, Kräuter- sowie Maracujaeis ist dankenswerter Weise eher ein Maracujaeis mit sanften Gemüsesprenkeln in verschiedenen Texturen und Strukturen. Das Eis ist ausgezeichnet, der Rest aber schwer genießbar. Hier haben wir sie mal, die spanische Avantgarde-Cuisine, die sich so sehr bemüht, etwas Originelles zu schaffen, während man sich fragt, warum man nicht einfach mehr vom Maracujaeis haben kann (6). Das Buttereis mit Topinambur und Trüffel wirkt etwas bemüht. Den Topinambur schmecke ich kaum, dafür bin ich positiv überrascht von diesem Butterprodukt, das eher milchig ist und angenehm rund und süßlich schmeckt (7,5). Ein Mais-Millefeuille mit gerösteter Buttercreme und schwarzem Knoblauch folgt nun. Der Butter (Schwabe, der ich bin - Harald-Schmidt-proved) wird durch süßen Maiskeks eingerahmt, aber der große Wurf ist das eher nicht. Dafür erstaunlich lang im Mund (7,5).

Die Petits Fours sind derweil eine optische Granate: ein Baum mit Zuckerwatte und unzähligen Pralinen und süßen Stückchen. Man erhält eine gedruckte Übersicht und kann die einzelnen Komponenten spielerisch zuordnen. Müßig, aufzuzählen, was alles dabei ist. Leichter wäre, das aufzuzählen, was nicht dabei ist. Besonders heraus sticht indessen die Zuckerwatte, die mit Himbeermilchpulver bestäubt ist und eine anregende Säurenote mitbringt. Natürlich ist das viel zu viel - so eine Masse an Petits Fours habe ich außer bei Christoph Rüffer noch gar nicht erlebt -, aber eben auch ziemlich köstlich (8,5).

Die Weinkarte kommt auf einem Tablet und besticht mit einer großartigen Auswahl kanarischer Weine von allen Inseln und einer immer noch überzeugenden aus Spanien, plus einigen Ausgewählten von Gütern quer über den ganzen Erdball. Etwas ganz Eigenes ist die Sherry-Auswahl. Hier hüpft mein Herz angesichts einer fachkundig inszenierten Prozedur, bei der ein lokaler Sherry (aus Lanzarote) mit großen Pipetten ausgeschenkt wird. Später darf es noch ein ziemlich großer kanarischer Rotwein sein (la Santa de Ursula). Die Karte ist normal bis günstig bepreist.

Die Servicekräfte kommen in schicken, künstlerisch geschneiderten Uniformen daher. Alle sind freundlich, aufmerksam und hilfsbereit. Zwar sprühen sie nicht vor außerordentlichem Engagement, sondern lassen vornehme Zurückhaltung walten. Das bringt bei mir aber heuer Bonuspunkte ein, da ich einmal mehr lange brauche, um die Karte zu studieren und auch sonst etwas gemächlicher daherkomme. Hier geht man darauf ein und ist immer da, wenn es Sinn ergibt.

Trotz einiger Tiefen - v. a. wenn man doch ein bisschen die verlockende Partie der spanischen Experimentalküche mitspielen will - ist das ein exzellentes Menü. Hier sind kulinarische Repräsentanten der Kanaren zugange, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient haben. So bescheiden die Crew hier daherkommt und dann ein stringentes Motto errichtet, beeindruckende, wo möglich lokale Produkte zu einem mutigen, fantasievollen, klugen sowie bodenständigen Gesamtkunstwerk verwebt - davon können sich einige Spitzenköche des Festlandes eine Scheibe abschneiden.

Verstecken muss und sollte sich dieses Eiland bzw. die ganze Inselgruppe mit Blick auf seine Gourmet-Möglichkeiten definitiv nicht - und die Brüder Padrón geben würdige Botschafter ab.

Ambiente 7,5

Service 8

Getränke 8

Essen 8

Gesamteindruck 7,9

Was die anderen sagen

Stefan von Stefan`s Gourmet Blog ist sehr angetan.

Ellen von EatwithEllen auch.

Und dasselbe Bild auf thegastronome.net.

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