Malathounis: Griechisches Dine

Malathounis, Kernen *
Ambiente 7
Service 5,5
Getränke 7,5
Essen 6,5
Gesamteindruck 6,6

Meine Bewertung

Das Ehepaar Malathounis hat seinem griechisch inspirierten Lokal ein familiäres Gastro-Konzept verpasst. Dieses kollidiert mit höheren Fine-Dining-Ambitionen und stößt bereits an seine Grenzen. Auch beim Essen gibt es noch Optimierungspotenzial.

Die Geschichte hinter dem Restaurant

Ich mache ja keinen Hehl daraus, dass mich Fine-Dining-Restaurants mit exotischer Küche besonders reizen. Erstaunlicher Weise gibt es derer in Deutschland sehr wenige.

Mein Versuchsaufbau: Sucht man beim Guide Michelin nach Sternerestaurants hierzulande und blendet über die Filterfunktion die mitteleuropäischen, ostasiatischen (da nicht mehr wirklich exotisch) und als Fusion/international titulierten aus, bleiben genau vier (!) übrig:

Das russische Troyka, das syrische Shiraz, das nordafrikanische Piment und das griechische Malathounis - alle mit einem Stern.

Diese Eingrenzung wird strengen Gütekriterien sicher nicht gerecht, liefert aber doch ein erhellendes Bild, was die (fehlende) Multikultur bzw. Internationalität der deutschen Sterneküche betrifft.

So liefert die gleiche Suchanfrage für London allein über ein Dutzend besternte Restaurants mit u. a. indischer, chinesischer, lateinamerikanischer sowie afrikanischer Küche.

Nun gut, begnügen wir uns mit dem, was da ist. Und heute bietet sich die Gelegenheit, eines der vier in Augenschein zu nehmen: das Malathounis im Remstal bei Stuttgart - mit „modern greek cuisine “.

Joannis Malathounis stammt aus der Gegend, kochte in Stuttgart, Ravensburg und Paris, und eröffnete 1993 zusammen mit seiner Frau sein eigenes Restaurant in Kernen-Stetten.

Nach einigen Jahren kamen die Auszeichnungen: 2009 deklarierte Gusto ihn als „Aufsteiger des Jahres“; 2011 kürte der Schlemmer-Atlas das Malathounis zum „ausländischen Restaurant des Jahres“. 2014 erhielt es als weltweit erstes griechisches Restaurant außerhalb Griechenlands einen Michelinstern.

Vor diesem Hintergrund erscheint das Malathounis als heißer Anwärter auf den Titel des besten griechischen Restaurants Deutschlands.

Die Erfahrung

A unscheinbars Häusle im Ort, gudbürgerlicher Gaschtraum - ned mehr, ned weniger.

Angenehm-gemütlich ist es trotzdem: wohnzimmerartig, mit Blumentapete und viel Holz, stimmig integrierten Regalen und gut abgestimmter Beleuchtung. Man kann hier schon gut einen Abend verbringen.

Der rustikalere der beiden Gasträume

Beim Platznehmen stehen schon Brot, Olivenöl und ein Nussteller auf dem Tisch bereit. Das Olivenöl ist erwartungsgemäß sehr angenehm mit prägnanter Würze und leichter Süße. Die Nüsse erinnern zwar mehr an eine Kneipe, stellen den hungrigen Gast aber kurzfristig zufrieden.

Ich wähle das vegetarische Menü mit einem Short-Rib-Zusatzgang.

***

Als Amuse-Bouche kommt zunächst der "Bauernsalat in einem Biss", eine Tartelette mit Tzatziki, Tomate und Olive. Hier fehlt das Extravagante; der Happen ist "sehr normal". Würde ich die Zutaten selbst zuhause zusammenwerfen, entspräche das genau diesem Geschmacksbild [6/10].

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Es folgt eine Vorspeise mit Lauch, Artischocke, Bohne und Matjes, darüber ein Kümmelcracker. Der süßliche Keks dominiert; der Lauch ist schleimig-zäh und das gesamte Gericht sehr kühl. Die Bohnen sind durchschnittlich; lediglich der Matjes ergibt mit dem Cracker einen originellen, harmonischen Zusammenklang. Die Komponenten des Gerichts erweisen sich als schwierig auf der Gabel bzw. im Mund zusammenzubringen, v. a. angesichts des übergroßen Kekses [5,5/10].

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Der erste Gang offenbart gefüllte Weinblätter mit Eigelbcreme, griechischem Joghurt, Sultaninen und Sonnenblumen-Pesto. Auch dieses Gericht ist sehr kalt. Vor allem bei den Weinblättern ist das schade, da sich die Aromen so weniger entfalten können und sie eher fad und unterkomplex schmecken. Indes ist das Pesto mit den Sultaninen sehr originell und wohlschmeckend. Im Gesamtbild dank der schönen Pesto-Sultaninen-Kombi für mich auf Sterne-Niveau [7/10].

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Der nächste Gang besteht aus Roter Beete mit kandiertem Knoblauch, Zwiebelmayonnaise, Haselnuss und Wildapfel. Das passt nicht wirklich optimal zusammen, aber die Beete ist extrem aromatisch - das muss man erst mal so abbilden [6,5/10].

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Als Hauptgang folgen “Steinpilznudeln”, also eigentlich Teigtaschen mit Steinpilz-Buchweizen-Füllung. Dazu Borlottibohnen, Lauch, Retsina-Sauce und roher Steinchampignon. Das Geschmacksbild ist hier nicht wirklich differenziert - es bleibt eine Art Sahnepasta mit ordentlicher Würze nach hinten raus am Gaumen. Auch ist das Gericht sehr salzig, ohne dass das Salz durch eine andere Zutat oder den Wein kompensiert würde [6/10].

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Als einziges Gericht des omnivoren Menüs habe ich ein in Mavrodaphne (griechischer Süßwein) geschmortes Short Rib mit Linsen, Chicorée und geröstetem Mais dazubestellt. Auf einem zweiten Teller gibt es dazu eine Kartoffel-Krokette mit Trüffelmayonnaise. Es handelt sich um zarte, aber nicht hervorragende Cuts ohne (für mich) erkennbare Bezüge zur griechischen Küche. Die solide zubereitete, aber geschmacklich etwas penetrante Trüffel-Krokette wirkt - nicht nur angesichts der Platzierung auf einem Sonderteller - vom Rest entkoppelt [6,5/10].

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Der Käsegang ist auf dem Papier spannend, handelt es sich doch um einen Feta in cremiger Konsistenz mit Salatgurke, Kefir und einem Gurken-Estragonsorbet. Die deutlich präsente Süße ist mir persönlich an dieser Stelle zu viel. Originell ja, dabei aber noch nicht komplett ausgereift [6,5/10].

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Zum Abschluss des Menüs wird eine Crème Caramel mit Aprikose, karamellisierten Kürbiskernen und Zuckerwatteeis serviert. Der Flan mit den toll integrierten Kürbiskernen ist schon vorzüglich. Und das auf separatem Teller servierte Zuckerwatteeis mit Aprikose ist zwar nicht erkennbar auf den anderen Teller abgestimmt, kommt aber direkt aus dem Elysium des Wohlgeschmacks [8/10].

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Mit der Rechnung gibt es noch, passend zu Weihnachten, "Gutsle", die keinen Eingang in die Bewertung erfahren.

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Das Malathounis wurde mehrfach für seine Weinkarte ausgezeichnet und tatsächlich ist diese exzellent kuratiert. Lauter interessante Güter. Als hätte man mein Geschmackszentrum angezapft, finde ich sehr viele meiner persönlichen Favoriten wieder. Dazu eine Menge griechischer Optionen. Und spannende Raritäten. Alles sehr fair kalkuliert (mal 2-3).

Auf der anderen Seite geben die simplen Stölzle-Gläser nicht das Maximum her, das die feinen Weine an Potenzial haben. Wie schade.

Auch ist die Weinbegleitung nur in Teilen gelungen (trockener Riesling zur Roten Beete, restsüßer zum Nachtisch), in erheblichen Teilen weniger (süßliche rote Weine zu den Hauptspeisen, die keine Lust auf den griechischen Weinkosmos machen).

BesucherInnen würde ich von der Weinbegleitung abraten und stattdessen die Schätze der Karte nahelegen.

Leider bleibt Frau Malathounis als einziger Allroundkraft im Gastraum nicht die Zeit, eine individuelle Beratung zu gewährleisten. Ich hätte gerne meine Lieblingssorten genannt und erfahren, welche griechischen Weine sie mir auf dieser Basis empfiehlt.

Ohnehin ist es zwar respektabel, dass das Ehepaar alles alleine stemmt, aber ein sternewürdiger Service ist so nicht drin:

Es wird nicht nachgeschenkt, das Essen nur - ohne Erklärung - auf den Tisch gestellt, meine freundlich übermittelte Unzufriedenheit mit den Rotweinen eher abgewehrt, geschweige denn eine Alternative angeboten. Im Vergleich mit dem ebenfalls mit einem Stern ausgezeichneten Tulus Lotrek eine Woche zuvor ist das schon frappierend.

Fazit

Das Griechische findet man hier eher als beeinflussende Strömung und Marketing-Kern denn als klassisch hellenisches Menü.

Die Malathounis managen ihren Ansatz sehr solide, müssten sich bei weiterführenden Ambitionen aber überlegen, vom (Klein-)Familienbetrieb auf ein klassisches Fine-Dining-Konzept mit Servicekräften umzustellen.

Dann könnte man sich überlegen, das Menü wieder - back to the roots - auf einen echten griechischen Kern auszurichten und es um entsprechende signature dishes zu bauen.

Eines fällt mir schon ein: eine hellenisierte Version der Crème Caramel. Mit Zuckerwatteeis, Kürbiskernen und Aprikosen.

Ambiente 7
Service 5,5
Getränke 7,5
Essen 6,5

Gesamteindruck 6,6

Was die anderen sagen

Die Sternefresser waren zuletzt vor etwa neun Jahren hier.

Ansonsten gibt es an dieser Stelle wenig zu reportieren.

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