Mein Wein 2026: Kategorie Heimat
Hier ist Raum für Weine bzw. Weingüter, die ich - nach Kategorien geordnet - derzeit besonders bemerkenswert finde und die ein (sehr) gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen.
An dieser Stelle findet sich (fast) nur Deutschland – ein bisschen aus Verbundenheit zur Heimat, ein bisschen aus der tiefen Überzeugung, dass Deutschland inzwischen ein Champions-League-Weinland ist – nicht nur beim Riesling.
Außerdem vor allem „Einstiegsweine“. Nicht immer die billigsten des jeweiligen Gutes und außerdem keine Discount-Güter, aber mit Sicherheit Preis-Leistungs-Hammer im erschwinglichen Bereich.
Der besondere Trollinger
Zimmerle, Waiblingen – Goldadler Sommerhalde 2020
Im Kabinett der (süd-)deutschen Anspruchslosigkeit steht traditionell neben gehäkelten Eierwärmern, Opas Zinnbecher-Sammlung, dem Kehrwochen-Plan im Klarsichtmäppchen und (absolut legitimerweise!) einer „Pferdle & Äffle – Der Hafer- und Bananen-Blues“-CD auch eine Flasche Trollinger – gerne als Verschnitt mit Lemberger und/oder in „lieblich“.
Der Trollinger hatte auf die Weinwelt lange eine Wirkung wie Donald Trump auf die politische Debattenkultur. (STOPP! Das tut selbst dem jämmerlichsten Zwiebelshampoo-Kronkorken-Liter aus dem Ländle von anno dazumal unrecht!) Aber stimmt schon: Trollinger war das Letzte – und ist es für viele immer noch. In deren Augen trinkt ihn der schwäbische Kleinbürger „viertelesweise“ aus dem gerippten Henkelglas und schimpft dabei auf die jüngste VfB-Aufstellung.
Tatsächlich feiert der Trollinger derzeit ein Comeback – und zwar exakt wegen der Eigenschaften, für die er jahrzehntelang belächelt wurde. Über Jahre galt für die deutsche Weinszene: Ein Rotwein muss tiefdunkel, schwer, alkoholstark und im Holzfass gereift sein. Heute geht der Trend selbst hierzulande in eine andere Richtung: „Chillable Reds“ – leichte, unkomplizierte Rotweine mit moderatem Alkoholgehalt, die man im Sommer gekühlt trinkt. Da die Trollinger-Traube von Natur aus eine helle Farbe, eine animierende Säure und sehr wenig Tannine mitbringt, passt sie hier perfekt rein – sofern sie knochentrocken, saftig und präzise ausgebaut wird. Und das tun inzwischen einige Württemberger SpitzenwinzerInnen wieder. Das Ergebnis sind feingliedrige, fast burgunderhafte Weine, die es auch auf die Karten der Berliner Naturwein-Bars schaffen (und inzwischen schon in entlegenen Ecken Spaniens im Rahmen avantgardistischer iberischer Experimentierfreude gekeltert werden).
Die Rebe stammt ursprünglich aus dem heutigen Südtirol und dem Trentino, wo sie mindestens seit dem 13. Jahrhundert angebaut wird. Als sie im 14. Jahrhundert den Weg über die Alpen nach Württemberg fand, machten die Einheimischen aus der Herkunftsbezeichnung „Tirolinger“ im Laufe der Zeit den „Trollinger“. In Italien heißt der Trollinger offiziell Schiava Grossa, ist in Südtirol allerdings als Vernatsch bekannt.
Botanisch und önologisch betrachtet ist der Trollinger eine faszinierende Rebsorte: Die Traube reift extrem spät. Weil sie so lange am Stock hängt, braucht sie warme, absolut frostfreie Steillagen und tiefgründige Böden wie Keuper oder Muschelkalk, um überhaupt reif zu werden. Die Trauben und einzelnen Beeren sind für eine Keltertraube ungewöhnlich groß und haben eine sehr dünne, hellrote Haut. Für einen Rotwein bringt der Trollinger eine extrem ausgeprägte, erfrischende Säure mit, besitzt aber gleichzeitig kaum spürbare Gerbstoffe. Da die Rebe so schnell wächst, muss das Weingut die Trauben im Sommer radikal ertragsreduzieren, um die charakteristischen Aromen von Wildkirsche, Himbeere und feinem Muskat herauszukitzeln.
Einer der Winzerinnen und Winzer, die sich dem Trollinger widmen, ist Jens Zimmerle aus Waiblingen-Beinstein im Remstal. Die Weinbautradition der Familie reicht bis in das Jahr 1647 zurück. Die Familie stammt ursprünglich aus Südtirol – also just der Heimat des Vernatsch/Trollingers. Als ambitioniertes Gut außerhalb der genossenschaftlich geprägten schwäbischen Weinbaukultur wird es jetzt in zweiter Generation geführt. Jens, der früher auch als DJ in der Stuttgarter Clubszene erfolgreich war, und seine Frau Yvette haben das Weingut vom regionalen Geheimtipp zu einem – trotzdem noch nicht omnipräsenten – Schwergewicht der deutschen Szene entwickelt.
Auf sämtlichen Feldern (auf denen ich verkostet habe) spielen die Weine in der absoluten Spitzenklasse Deutschlands und darüber hinaus. Gerade auch bei den Rotweinen, wo sich Zimmerle unter anderem des Spätburgunders, Lembergers und des Bordeaux-Blends annimmt. Eigentlich wollte ich hier über den Lemberger KERF schreiben, aber nachdem ich neulich wieder einen Trollinger von Jens im Glas hatte, habe ich mir das spontan anders überlegt.
Beim im Holzfass ausgebauten Goldadler Sommerhalde gären die Trauben wochenlang auf der Maische. In der Nase dominiert eine animierende, herbe Frucht von reifen, gemischten roten und dunklen Beeren, gepaart mit klarer Sauerkirsche. Dahinter entfalten sich feine Rauch- und Holznoten, getrocknete Kräuter und sogar etwas Tabak. Auch am Gaumen zeigt sich eine klare, herb-saftige Frucht. Die Tannine sind spürbar, aber wunderbar eingebunden. Die für die Rebsorte typische Säure hält den Wein lebendig, ohne aggressiv zu wirken. Der Abgang ist lang und seriös.
Der Wein weist also nicht eins zu eins die Features auf, die im Zuge der neuen Sommerrotweinwelle gehypt werden, sondern ist größer als das. Eher wie ein beeindruckender Pinot Noir: tief, strukturiert – bei der Frische und dem Trinkfluss des (qualitativ revolutionierten) Trollingers. Er wurde vom Weinführer Vinum als bester Trollinger Württembergs geadelt, und ich würde mich mal aus dem Fenster lehnen und ihn gar als einen der komplexesten und beeindruckendsten Trollinger/Vernatsch der Welt bezeichnen.
Ihr werdet mehrfach aufs Etikett schauen müssen, um es zu glauben. Und danach geht der KERF sicher auch noch.
Check it out:
Zimmerle in Waiblingen