Akoko: Dafa saf

Akoko, London *
Ambiente 6
Service 6,5
Getränke 7
Essen 7,3
Gesamteindruck 6,8

Meine Bewertung: Afrikanisches Fine Dining in London wartet mit sehr intensiven, rauchigen, vollen und scharfen Aromen auf. Das überlagert oft die sehr guten Zutaten. Die Atmosphäre und der Service sind auf Geschwindigkeit und Effizienz maximiert, worunter das Gesamterlebnis leidet.

Die Geschichte hinter dem Restaurant

London Calling.

Der Reise ging eine wochenlange Restaurantrecherche voraus. Die Agenda änderte sich zunächst stündlich, dann täglich, schließlich gar nicht mehr. Denn ein Motto hatte mich ergriffen: afrikanisches Fine Dining.

Über Jahrzehnte hinweg wurde die afrikanische Küche auf internationalen Märkten stark klischeebehaftet und vereinfacht dargestellt – oft reduziert auf billiges Streetfood oder schwere Eintöpfe, die man in westlichen Ländern in einfachen Imbissen verortete. Eher funktional als ambitioniert hinsichtlich der vielfältigen Zutaten und Aromen. In afrikanischen Spitzenhotels und Lodges wurde über Generationen hinweg fast ausschließlich französische, italienische oder asiatische Haute Cuisine serviert, da das koloniale Erbe den Trugschluss verankert hatte, dass nur europäische Kochtechniken als „gehoben“ gelten. In den 1990er Jahren vollzog sich allmählich ein Wandel hin zu einer institutionalisierten, gehobenen afrikanischen Gastronomie in den Metropolen des Kontinents, v. a. in Südafrika. SpitzenköchInnen fingen an, lokale Zutaten mit europäischer Technik zu kombinieren. In den 2010er Jahren setzten RückkehrerInnen aus der Diaspora punktuell neue beeindruckende Akzente.

In die entgegengesetzte Richtung etablierten sich afrikanische Aromen allmählich auch in der gehobenen europäischen Küche - eine echte Bewegung, geschweige denn ein Griff nach den Sternen war das aber noch nicht. Erst in den letzten Jahren kann man ein Muster zeichnen: Immer mehr Köche lehnen es ab, afrikanische Küche nach französischem Regelwerk zu „zähmen“. Stattdessen werden traditionelle Schärfegrade, rauchige Aromen und komplexe Texturen (wie viskose Suppen oder fermentierte Teige) selbstbewusst inszeniert. Anstelle von Kaviar und Trüffeln rücken rare, geschmacksintensive Zutaten wie afrikanischer Wildkaffee, fermentierte Johannisbrotbohnen (Iru), Kochbananen oder geräucherter Stockfisch in den Mittelpunkt des kulinarischen Luxus. Moderne afrikanische SpitzenköchInnen nutzen heute komplexe Fermentationsprozesse, neue Zusammenstellungen von Aromen oder kochen über offenem Holzfeuer.

Gleichzeitig haben KöchInnen der afrikanischen Diaspora gezielt begonnen, die Spitzengastronomie als Bühne zu nutzen, um kulturspezifische Geschichten zu erzählen und koloniale Narrative zu durchbrechen. In den Metropolen v. a. Europas erlebt diese Küche nun eine regelrechte Explosion. Pionier-Restaurants in London oder Paris zeigen, dass sich (west)afrikanische Aromen ziemlich gut mit der klassischen europäischen Gourmetküche fusionieren lassen und sogar Michelin-Sterne zu erringen sind. Selbst in Deutschland kommt der Trend mit dem The CLOUD by Käfer (Link) an.

Eine besondere Rolle kommt vor diesem Hintergrund dem Akoko in London zu. Es ist nicht nur eines von zwei klassisch afrikanischen Sternerestaurants (neben dem Chishuru, auch in London). Es legt auch Wert auf authentische Traditionen einer pan-westafrikanischen Küche, die sich nicht ständig durch Relativierungen des Fusion-Wordings kleiner macht. Dieses Selbstbewusstsein, dass afrikanisches Essen für sich steht und sehr groß sein kann, diese Würdigung afrikanischer Aromen ohne westliche Verwässerung soll man hier mehr spüren als sonstwo.

Hinter dem Akoko steht der britisch-nigerianische Gastronom und Visionär Aji Akokomi. Er eröffnete das Restaurant im Oktober 2020, mitten in der Corona-Pandemie. Er selbst hat keine klassische Kochausbildung und entwickelte die Rezepte sowie das visuelle bzw. kulturelle Konzept autodidaktisch. Der Michelin-Stern folgte 2024 unter Küchenchef Ayo Adeyemi. Nachfolger wurde im selben Jahr Mutaro Baldé. Baldé hat familiäre Wurzeln in Guinea-Bissau und im Senegal. Er lernte und kochte unter den Legenden der französischen Haute Cuisine, darunter Alain Ducasse und Joël Robuchon. Danach leitete er Restaurants in Hongkong und Paris.

Die Erfahrung

Das Restaurant ist (mittags) hektisch, wirkt eher wie eine Bar. Man wird schwer übersehbar kameraüberwacht - auf meinen unbequemen Stuhl am Pass bzw. der Küche richtet sich die Kamera wie im Verhörzimmer bei Sicario. Die atmosphärische Musik lässt sich nur auf der Toilette erfahren; im Gastraum dominieren die Stimmen gut gelaunter, munter schwätzender Gäste (was ja positiv ist und im Kontrast zu anderen Gourmetrestaurants, v. a. in Deutschland, steht).

Bevor es losgeht, durchlaufen wir ein rituelles Händewaschen mit Scrub-Wirkung. Das Menü ist grob in Ghana, Nigeria und Senegambia zu verorten und startet mit einem frittierten Snack aus der Yamswurzel mit Gemüsemischung und einer Symbiose aus dem Suya-Gewürz und einem Teil des Baobab-(Affenbrot)-Baums. Hier wird ein schönes Temperaturspiel inszeniert, das durch die sofort auftretende Schärfe verlängert wird (im Sinne von engl. scharf: hot). Knoblauch und Zwiebel, beständige Begleitungen über das gesamte Menü, kleiden den Mund ewig aus, aber ein bisschen heavy ist das schon, gerade als Starter (7). Es folgt eine Zwiebel-Zitrus-Sauce mit Muscheln, Chili und Schnittlauchöl. Wieder baut sich immense Schärfe auf und überlagert auch die schönen Muscheln. Eine durchaus sehr angenehme Welle der Umami-Schärfe, die ewig im Mund bzw. am Gaumen nachwirkt (7,5). Der nächste Gang ist Abunuabunu, eine leuchtend grüne Suppe eigentlich aus der Taro-Pflanze, wobei häufig - meines Erachtens auch hier - Spinat verwendet wird. Damit werden feine Tintenfischstückchen vermengt. Der Fisch ist ohne viel Geschmack, aber dafür ist die Spinatcreme wunderbar frisch, krautig, erdig (8).

Es folgt Moi Moi, eine Schwarzaugenbohnenterrine mit Rotbarbe. Der Fisch selbst ist durch den perfekten Röstgrad auf sehr hohem Niveau; die Terrine weist eine typisch nigerianische Note mit Tomaten und Chili auf. Das ist aromatisch allerdings bedingt beeindruckend. Zudem wischt die Schärfe hier wirklich alles weg (7,5). Auf den Tisch kommt dann Seeteufel mit Okra in einer Soße mit Egusi (einer Wildmelone), Kürbis, Piri-Piri (fruchtig-scharfe Chili), Knoblauch und Zwiebeln. Auch hier dasselbe Muster: Komponenten von klasse Qualität und die Schärfe, die alles überlagert. Der Fisch ist hochfein, die Okra dezent, der Kürbis intensiv, die Sauce fruchtig-würzig (8).

Das signature dish folgt mit Rindfleisch, Ochsenzunge, Jollof-Reis und einem Zweierlei von Mbongo-Sauce (eine tiefschwarze, intensiv aromatische und rauchig-würzige Sauce aus einer wilden Kardamom-Art und der Rinde des Hiomi-Baums - über offenem Kohlenfeuer geröstet. Dazu - wie üblich - Knoblauch, Zwiebeln, Tomaten und Chili) und Jollof-Sauce (eine intensiv gewürzte, tiefrote Tomaten-Paprika-Schnittstelle, die dem Jollof-Reis beim Kochen seine Farbe und den herzhaften Geschmack verleiht). Soweit, so beeindruckend. Leider kommt die geschmackliche Ernüchterung: Das Fleisch ist zäh und lauwarm, die Zunge wenig besser. Der Jollof-Reis ist schmackhaft, aber wieder mit Unmengen an Knoblauch ausgestattet. Spätestens ab jetzt wäre ich eine veritable Zumutung für mein Umfeld, wenn hier nicht alle dieselben Gerichte verspeisen würden (6). Ein Predessert wird gleich danach aufgetischt: Lamurji, ein erfrischendes Tamarinden-Ingwer-Getränk mit Aidan (einer Regenwaldfrucht). Das schmeckt eher eindimensional wie Pfirsicheis mit zugesetzter Schärfe (6,5).

Als Dessert gibt es Hirsezubereitungen in unterschiedlichen Ausführungen - mit Pflaume und Kakao. Ein sahnig-komplexes Eis lebt von der Pflaume anbei; ein festeres Mousse ist sämig und seidig. In seiner Vielfalt bei gleichzeitiger, erstmaliger Dezentheit ist das ausgesprochen gut (8). Als Süßigkeiten kommen noch kakaolastige Gebilde mit schwarzem Sesam und Gewürzen, und Kuli-Kuli, ein bekannter westafrikanischer Erdnusssnack . Das ist eine absolute Fett- und Zuckerbombe, aber halt auch einfach köstlich (7,5).

Die Weinkarte ist überschaubar, mit viel Südafrika und sonst eher schweren, in die marmeladige Richtung gehenden französischen, italienischen sowie Übersee-Optionen. Für London ist das preislich okay, aber unterm Strich fehlt der Anspruch, etwas Eigenes, Ideenreiches zu erschaffen. Das gibt es dafür beim alkoholfreien Pairing, für das ich mich entscheide. Da sind schöne Gänge dabei, die jeweils gut mit dem Essen harmonieren (z. B. ein Tamarindendrink und ein sehr komplexer Hibiskusdrink), wobei sich der Baransatz in der passenden Zusammenstellung von Frucht- bzw. Gemüsesäften weitestgehend erschöpft und kaum die möglichen Produktionsweisen ausschöpft.

Der Service ist indes gehetzt und wuselig, was eine logistische Top-Leistung offenbart, die am Chef’s Table unmittelbar miterlebt werden kann. Die Gänge werden immer im Rahmen eines einheitlichen Vortrags vorgestellt und alle haben wenig Zeit (was aber angenehmer Weise erstaunlich selten wirklich gestresst wirkt). Lediglich die Frage, was am besten war, scheint im Repertoire eine wichtige Rolle zu spielen, denn sie kommt mehrfach. Das Essen endet bereits nach anderthalb Stunden. Und bei der Bezahlung wird automatisch 15 Prozent "Servicecharge" hinzuaddiert, was aber im UK so üblich ist.

Das Akoko zeigt eindrucksvoll, wie komplex und divers Fine Dining sein kann. Etwas, das sich lohnt, in Erinnerung zu rufen, bei all den schablonenartigen französisch-japanisch-skandinavischen Varianten. Es ist aber auch eine Herausforderung für die Bewertung: Vom ersten bis weit nach dem letzten Bissen stochert man durch eine Wolke aus Schärfe, Würze, Rauchigkeit, die immer im Mund und am Gaumen bleibt. Das ist ein sensorisches Erlebnis, klar, aber stülpt sich eben auch über den - durchaus reizvollen - Rest wie rauhe Watte.

Und auch die Hektik geht nicht spurlos am (in ein gewisses Alter gekommenen) Gast vorbei: (zu) viel in zu kurzer Zeit; alles prasselt ein. Das mag an afrikanische Großstädte erinnern, aber so richtig viel Spaß macht es nicht. Dabei lassen sich zweifelsfrei (zwei)sternewürdige Gerichte ausmachen - und ein Einblick, wie toll afrikanische Küche ist. Und wer meine Berichte liest, weiß, wie wichtig mir analog zum Wein der lange nachwirkende Abgang am Gaumen ist. Gleichwohl wird dieses Gefühl hier - unter Nutzung von Knoblauch, Zwiebeln und Gewürzen mit Power - zum Dauerzustand erhoben und die anderen Komponenten drohen zu verblassen. Wie eine schöne Betäubung. Reicht das, um als Fine-Dining-Erlebnis umfassend zu sein?

Ein bisschen ist das hier die Quadratur des Kreises: Um die Intensität zu entzerren und die einzelnen Komponenten besser wertzuschätzen, müsste man Hektik und Schnelligkeit rausnehmen. Dann würden längere Pausen entstehen, die sich in einem entspannten Ambiente mit ansprechenden Weinen und dem einen oder anderen Plausch u. a. mit den Servicekräften, die für so etwas Kapazitäten abrufen dürfen, füllen ließen.

See what I mean?

Ambiente 6
Service 6,5
Getränke 7
Essen 7,3

Gesamteindruck 6,8

Was die anderen sagen

Andy Hayler war fast genau zwei Jahre vor mir dort und fand es ziemlich gut.

Auch auf London Unattached erhält das Restaurant eine sehr positive Bewertung.

Infatuation sieht es sogar als “best of the best”.

Frankie war erst vor kurzem da.

Auf r/finedining gibt es sehr viel (Positives) zum Akoko zu lesen.

Wenn Dir das gefallen hat

dann schau Dir doch an, wie sich afrikanische Gourmetküche in Deutschland schlägt.

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