C/X Culinary Experience: Enthusiasmus unter Palmen

C/X Culinary Experience, Five Islands Village, Antigua
Ambiente 6,5
Service 7
Getränke -
Essen 6,2
Gesamteindruck 6,5

Meine Bewertung: Auf Antigua lockt eine ungewöhnliche kulinarische Erfahrung. Im Vorfeld ist wenig darüber bekannt. Mindestens zwei Erkenntnisse nehme ich mit: 1. Vampire gibt es hier keine. 2. Hier hat jemand richtig Lust, den Gästen einen schönen Abend zu bieten.

Die Geschichte hinter dem Restaurant

Nun ist der Winter in Berlin ja generell kein heißer Anwärter auf einen Preis für die Förderung des Wohlbefindens der eigenen Einwohnerschaft. Dieses Jahr scheint irgendeine Kraft zudem dem - natürlich zu kurz gedachten - Eindruck, der Klimawandel bedeute eine durchgehende Erwärmung übers Jahr hinweg, mit Eisglätte, Schneeflächen, Sonnenentzug, Minustemperaturen und einer kollektiv deprimierten Bevölkerung in lange nicht gesehenem Ausmaße entgegenwirken zu wollen. Da tut ein Kurztrip in die Karibik gut, um Körper und Seele zu reinigen und den Rest des Winters durchzustehen.

Antigua, Hauptinsel des seit 1981 vom Vereinigten Königreich unabhängigen Staates Antigua und Barbuda, ist vieles, das auf dieses Ziel einzahlt. Eine Fine-Dining-Location ist es indes nicht. Dabei gibt es angesichts des Status als Urlaubsziel bzw. Wohnsitz wohlhabender NordamerikanerInnen und EuropäerInnen durchaus eine Klientel, die gute Küche mit internationaler Inspiration und lokalen Produkten schätzt.

Eine Beobachtung an mir selbst ist wie folgt: Widmet man einen Teil seiner Freizeit dem Hobby Fine Dining, gerät man in ein Dilemma: Zur Vorbereitung von Restaurantbesuchen bzw. zum Erschließen neuer Ziele bedarf es einer mehr oder minder intensiven (Online-)Vorbereitung. Das Eintauchen in diese Welt lässt indes nicht selten bereits ein inneres Bild entstehen, das die Sensorik mit Blick auf den späteren Besuch dämpft, zum Confirmation Bias beiträgt oder gar Langeweile erzeugt ("ja, genau so soll es ja sein"). Und da es auf Antigua mit dem Sheer Rocks eigentlich nur ein Restaurant gibt, das man in die Fine-Dining-Kategorie einsortieren kann, lese ich mir hier (zu) viel durch. Am Ende sehe ich meinen Besuch dort förmlich voraus: Eine wunderschöne Anlage direkt am Meer, mit einem schönen Ausblick. Ein tropisch dekoriertes Restaurant mit - wie auf Antigua üblich - einer beachtlichen Amplitude bei der Serviceleistung. Einige fein zubereitete Cocktails und einzelne teure Weine, die man dann doch nicht bestellen mag. Und ein Menü mit Garnelen und Rind, Fisch mit mehr oder weniger exotischer Sauce, Okragemüse, Trüffel-Mac-and-Cheese und einem kuchenartigen Nachtisch. Leicht veredelte pseudo-exotische Produkte nach dem Geschmack des US-Publikums - schmackhaft, aber ohne klaren Triumph im Kampf gegen die hohen eigenen Ansprüche. Das in die Realität umzusetzen? Eher uninteressant.

Also entscheide ich mich für einen experimentellen Raum, über den praktisch nichts im Vorfeld zu finden ist. In einem All-Inclusive-Resort. Mit Aufpreis für Hotelgäste in Höhe von 110 US-Dollar. Dafür soll man hochwertige lokale Produkte und Wein erhalten, eingebettet in eine interaktive Kochshow.

Eine völlige Unbekannte also. Mi a pree di vibes, wie die Locals sagen.

Die Erfahrung

Das Restaurant ist ein Raum mit bunt und üppig dekoriertem Tisch, an dem alle Gäste (heute außer mir nur ein kanadisches Ehepaar) Platz nehmen. Der Küchenblock ist Teil des Raumes - man ist also unmittelbar dabei. Am Kochblock wirkt die Köchin Rosalie, bereitet anfangs schon mal vor und trällert laut zur eher chilligen Musik. Dann startet der Abend offiziell mit einer netten Begrüßung von ihr und ihrem Sidekick Beryl: Ihr seid die Wichtigsten; alles soll ganz interaktiv sein; lasst uns den Austausch fördern. Beide werden sich im Laufe des Abends immer wieder nach unserem Befinden erkundigen und ihre gute Laune in ansteckender Weise versprühen.

Und auf geht's, während eine beißende Knoblauchwolke die Luft sättigt.

Die flüssige Begrüßung erfolgt in Form des Hauscocktails mit Blue Curacao, Ananas, Zitrus, Rum und einer undefinierbaren Zutat X. Im Unterschied zu vergleichbaren Drinks bewundere ich hier den stimmigen Einsatz des Blue Curacao mit insgesamt sehr gut dosierter, tropisch anmutender und doch wenig süßer Mischung und einem interessanten, würzigen Geschmack X. Der Rum ist hochwertig und so setzt man Blue Curacao optimal in Szene! Will das nicht jede/r, die/der in die Karibik fährt? (7)

Los geht das Menü mit einem Krabbenküchlein (Crab Cake) mit Zwiebeln, Knoblauch und einem Dressing. Das Küchlein ist sehr dicht, geschmacklich wenig aufregend, aber mit einer guten Schärfe. Das dazu gereichte Aioli ist wiederum durch die feine Zitrusnote wirklich gut (6,5). Es folgen Garnelen mit Weißwein, Kokossauce und schwarzem Pfeffer. Hier ist definitiv zu viel Knoblauch drin. Er überlagert alles andere, auch wenn die Schärfenote wieder schön ist. Die Qualität der Garnelen ist solide, aber das alles spielt angesichts des Knoblauchs kaum eine Rolle (5,5). Die folgende Kürbissuppe mit Garnelen, Kokosmilch und - guess what - Knoblauch offenbart in den ersten Sekundenbruchteilen reinen Kürbisgeschmack und eine gute Qualität der Shrimps. Der Knoblauch löscht derweil alles aus und legt sich derart omnipräsent über Zunge und Gaumen, dass ich die Suppe nicht aufessen möchte (5,5).

Dann kommt Mahi-Mahi - ein Fisch, der in dieser Ecke der Karibik praktisch überall serviert wird - mit Okracurry. Wieder viel Knoblauch und Zwiebeln, aber diesmal bleiben eher das schmackhafte und in guter Konsistenz dargebotene Okragemüse und die feinen, aromatischen Fischnuancen bei mir haften (6,5). Als "palate cleanser" wird ein Zitronensorbet mit lokalem Rum serviert. Das ist eher unspektakulär und bedingt komplex, weist aber einen guten Nachklang auf (6). Das Highlight ist zweifellos das Beef Tenderloin mit Kartoffelpüree und Gemüse, ein richtig gutes, perfekt gebratenes Steak, nicht ganz optimal temperiert, aber geschmacklich eine Freude. Die Beilagen stechen derweil nicht heraus (6,5).

Zum Abschluss wird Schokoladenkuchen mit Sahneschaum und schokoglasierter Erdbeere aufgetischt. Nicht überaus geschmacksintensiv, aber die Gestaltung des Tellers ist sehr nett (6).

Der dazu gereichte Chardonnay ist simpel, ein spanischer Merlot erfreulich gut. Und die beiden Damen sind überaus liebenswürdig, zugewandt, eloquent und voller guter Laune. So richtig interaktiv ist die Zubereitung des Essens zwar nicht, aber die erfrischenden Rückfragen und Scherze versetzen mich in einen sehr optimistischen Zustand.

Insofern geht es in diesem Bericht auch nicht um die Punktewertung - diese ist gelinde gesagt schnurzpiepe. Wichtig ist hingegen, dass hier Begeisterung, Engagement und Gastfreundschaft blühen. Dass Menschen am rechten Platz sind, die dafür brennen, etwas Besonderes für Gäste zu kreieren, die ihnen augenscheinlich am Herzen liegen. Das fördert meines Erachtens das Interesse an gepflegtem Essen viel mehr als ein stimmiges Amuse-Bouche mit Seeigel und N25-Kaviar, aber ohne Herz und Leidenschaft.

Dem hier passioniert umgesetzten Unterfangen gebührt jedenfalls mein Dank und mein großer Respekt.

Ambiente 6,5
Service 7
Getränke -
Essen 6,2

Gesamteindruck 6,5

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