Kiez: All whatever makes happy (Gastrezension)

Die Geschichte hinter dem Restaurant (der Bar)

Apgujeong-dong bzw. Cheongdam-dong sind die teuersten Ecken von Gangnam. Vieles, was es dort gibt, interessiert mich nicht über die Maße: überteuerte Kleidung, Schönheitskliniken und K-Pop-Agenturen. Das andere Cheongdam schon eher: Hier findet sich eine Konzentration von Sternerestaurants, unter anderem das Seouler Jungsik. Zudem gibt es auf der Donsan-gero einige der wichtigsten Cocktailbars der Stadt, unter anderem das hochgelobte Zest.

Heute geht es aber nicht ins Zest, sondern ins Kiez, welches vor rund einem Jahr eröffnet wurde. Anders als das Zest findet es sich in keiner „Best Bars“-Liste. Dennoch ist das Kiez in Seoul alles andere als ein Geheimtipp. Der Besitzer Shin Dongyeol („Don“) wurde von mehreren Magazinen poträtiert. Er hostet eine aufstrebende Bar.

Don wurde in Korea geboren. 1994 wanderte er mit seinen Eltern nach Hamburg aus. Dort machte er das Abitur und studierte International Business in Wien. Im Anschluss arbeitete er eine Zeit lang im Finance-Bereich, stellte aber fest, dass dies nichts für ihn ist. Also zog er mit einem Koffer per One-Way-Ticket nach Seoul. Fast mittel- und obdachlos schlief er in koreanischen Saunen, da diese 24 Stunden am Tag geöffnet haben. Er arbeitete als Barkeeper, bevor er nun mit dem Kiez seine eigene Bar eröffnet hat. Nebenbei nahm er auch noch 50kg ab. Offenbar ein Lebenslauf mit Brüchen.

Aufm Kiez

Die Erfahrung

Wir betreten das Kiez, das von außen nur über einen kleinen Schriftzug zu erkennen ist. Wir nehmen die Treppe in den Keller und laufen einen Gang entlang. An der Wand hängt ein gerahmtes Bild eines Sportwagens. Der Gang erinnert eher an das Jugendzimmer eines 16-jährigen. Dann öffnen wir die Tür zum Gastraum und treten ein. Der Raum ist mit Sofas ausgestattet und in rotes Licht getaucht. Die Atmosphäre soll an Hamburg und sein Nachtleben erinnern. Allein das war ein Grund für mich, das Kiez aufzusuchen.

Ein bisschen Hamburg in Südkorea

Neben den hamburgischen Einflüssen gesellen sich Eindrücke aus dem Japan der Mitte des 20. Jahrhunderts und des Bauhausstils. Nun mag man fragen, was dies mit Hamburg zu tun hat. Wohl nichts, aber nur den Goldenen Handschuh in Seoul nachzubauen wäre wohl auch langweilig.

Don begrüßt uns mit Handschlag und freut sich ersichtlich, dass wir da sind. Ich erkläre ihm, dass wir extra unseren sechsjährigen Sohn bei der Großmutter geparkt haben, woraufhin er mir zu meiner Verwunderung erklärt, dass er hätte mitkommen können. Bis 22 Uhr sei dies nach dem Gesetz kein Problem. Ob man nun Kinder in eine Kiezkneipe mitnehmen sollte, ist natürlich im Ermessen der Eltern. Wie dem auch sei, für die Paarkonstellation dürfte eine Date Night nicht schädlich sein. Wir nehmen an der Bar Platz. Die Karte ist kurz gehalten und enthält lediglich zehn alkoholische Cocktails.

Dat gifft dat

Wir entscheiden uns für den „Pandan Hajima“ und den „Lost in Translation“. Der „Pandan Hajima“ (Michter’s Bourbon, Tonkabohne, Pandan und Zitrus) ist eine Interpretation des Whiskey Sour und eine absolute Bombe. Die Säure ist fein abgestimmt und gut mit dem Bourbon und der Tonkabohne ausbalanciert. Er wird uns durch den Abend tragen und gehört zu den besten Drinks meines Lebens (10).

Pandan Hajima im Kiez in Seoul

Der „Lost in Translation“ (Mezcal, Tequila, Agave und Zitrus) ist im Vergleich ein wenig schwächer. Er ist zwar schmackhaft, aber mir eine Spur zu süß. Doch das ist Kritik auf hohem Niveau (8).

Lost in Translation im Kiez in Seoul

Ich sehe mich um. Don erkärt mir, dass das Kiez ein Ort sein soll, an dem sich alle Leute treffen können, gleich welcher Schicht sie angehören. Das scheint in Cheongdam eher schwierig zu sein, aber im Mikrokosmos funktioniert es gut. Jeder fühlt sich willkommen. Es ist Montagabend und die Crew besteht aus Leuten um die 30, Salarymen und ein Paar mittleren (aber noch nicht besten) Alters (wir). Don und der andere Barkeeper interagieren mit allen Gästen und verbreiten eine herausragend gute Stimmung. Mit jedem wird gelacht, auf Deutsch, Englisch oder Koreanisch. Viele der Gäste beginnen den Abend an der Bar und setzen sich nach einiger Zeit an einen der Tische.

Don in seinem Reich

Die Musik setzt sich aus einer geschmackvollen Mischung aus Soul und House zusammen (z. B. Y.O.U.D. von Culoe de Song). Wir studieren erneut die Karte. Neben den Getränken finden sich darauf zwei Speisen. Neben einem Curry gibt es eine Süßkartoffel-Creme-Brulée. Ich kann mir wenig darunter vorstellen, daher bestelle ich es.

Wenig später steht das Dessert vor uns. Es handelt sich tatsächlich um eine aufgeschnittene, warme Süßkartoffel, in die Creme Brulée eingefüllt wurde. Die Creme funktioniert im Zusammenspiel mit der Süßkartoffel fantastisch. Ich habe in Sternerestaurants schon deutlich langweiligere, uninspiriertere und einfach schlechtere Desserts gegessen. Fast allein dafür hat sich der Besuch gelohnt (8,5).

Dessert im Kiez, Seoul

Wir bestellen nach: Einen „Girl next Door“, der eine halbe Stunde Vorlauf benötigt, einen „Rice and Shine“ sowie einen „Sounds Healthy“ (und mehr “Pandan Hajima”).

Der „Rice and Shine“ (Mezcal, versengter Reis, Kokoswasser und Limette) wird mit einer Reiswaffel serviert. Im Mund dominieren zunächst das Kokoswasser und die Limette, im Nachgang steht der Reis sehr im Vordergrund. Es handelt sich um einen Verweis auf ein Gericht der koreanischen Küche, bei dem der versengte Reis aus dem Boden des Reiskochers für eine Suppe verwendet wird (Nurungjitang). Das ist clever und inspiriert, aber mir fehlt ein wenig der kulturelle Zugang (6). Dem Salaryman neben mir scheint der Drink dagegen mehr zu gefallen.

Rice and Shine im Kiez in Seoul

Der „Sounds Healthy“ (Gin, Sellerie, Apfel und griechischer Joghurt) dürfte Fitnesstrainern nur bedingt gefallen. Joghurt führt zu einer angenehmen Cremigkeit im Geschmack, der im Nachgang von Sellerie dominiert wird. Idee und Umsetzung sind durchaus ganz große Kunst und jeder Schluck bringt Gänsehaut (10).

Damn, that sounds healthy, Don

Sodann wird der „Girl next Door“ serviert (Erdbeerjoghurt-Gin, Zitrus, Pfirsich, Basilikum-Sorbet). Erdbeere ist zwar klar zu schmecken, bleibt aber angenehm im Hintergrund. Das Basilikum ist klar herauszuschmecken und brilliert im Zusammenspiel mit dem Zitrus und Pfirsich. Auch dieser Cocktail ist großartig (9).

Girl next Door im Kiez, Seoul

Wir bezahlen die (auch aufgrund des schwachen Won) sehr faire Rechnung, Don verabschiedet sich von uns und wir machen uns auf den Heimweg.

Der Guide Michelin beschreibt Dreisternerestaurants als solche, die auch eine Reise wert sind. Demnach ist das Kiez für mich eine Dreisternebar. Es mag zwar noch nicht in den Hitlisten der besten Bars weltweit auftauchen. Aber das sollte nur eine Frage der Zeit sein.

Ich habe meinen Kiez in Seoul gefunden.

Ambiente: 8
Service: 10
Getränke: 8,6
Essen: ohne Wertung

Gesamteindruck: 8,8

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