Golvet: Foodclubbing
| Golvet, Berlin * | |
|---|---|
| Ambiente | 6 |
| Service | 6 |
| Getränke | 6,5 |
| Essen | 6,8 |
| Gesamteindruck | 6,4 |
Meine Bewertung: Ein Restaurant in einem ehemaligen Club über der Stadt - und Ambiente, Service und einzelne Gänge bzw. Getränke erinnern auch eher daran. Das Golvet hat seinen Stern gerade verteidigt. Um beim nächsten Mal kein Zittern aufkommen zu lassen, muss das Team an ein paar Stellen nachjustieren.
Es ist passiert. Eigentlich hatte ich es immer erwartet. Nur heute nicht. Wer traut schon der Technik? Wer wäre so blöd, umfangreiche Notizen einzig ins Handy einzuspeisen - ohne zwischenzeitlich eingerichtetes Backup?
Und doch kommt es so. Überraschend. Alles weg. Und dann noch nicht mal aufgrund einer ungeschickten Fingerbewegung meinerseits, sondern einfach so. Unerklärlich. Plötzlich. Ohne Kausalität. Gibt es so was überhaupt? Oder finde ich einfach meinen Fehler nicht?
Jetzt könnte ich natürlich alle Eindrücke zu jedem Teller aus meiner Erinnerung bis ins kleinste Detail rekonstruieren. Tatsächlich habe ich aber keine Lust dazu. Dieser infantile Trotzanfall sei mir gegönnt, wo die Technik dem naiven Menschen ein ärgerliches Schnippchen geschlagen hat und dieser ein Ventil sucht.
Vielleicht ist der destruktive Trotz aber auch Ausdruck meiner Enttäuschung über die eigene Unfähigkeit, Eindrücke retrospektiv so zu erinnern, dass sie (für einen selbst) authentisch wirken. Weil es daran erinnert, dass man älter wird, stumpfer in der Aufnahmefähigkeit, der Gewöhnung an Routinen und Merkhilfen verfallen.
Aber jetzt zum Golvet. Diesem Restaurant im 8. Stock über Berlin, dem ehemaligen Club mit Tanzfläche, der 2017 zum Fine-Dining-Lokal umfunktioniert wurde und bald darauf einen Stern erlangte. Mit wechselnden Köchen und Konzepten. Mit dem Exzentriker Peter Maria Schnurr, der aus dem avantgardistischen Falco in Leipzig kam und die Preise in die Stratosphäre schraubte (während der Anspruch enttäuscht wurde und er nach einem Jahr wieder gehen musste/wollte). Und jetzt Nicholas Hahn, der im Februar erst vom vegetarischen Sternerestaurant Cookies Cream kommend hier anheuerte, alle mal tief durchatmen ließ, und auf den Boden der Tatsachen zurücksetzte.
Und ja, es fühlt sich hier wirklich mehr wie ein Club (ohne Gäste) an - das zieht sich vom Ambiente, das abgesehen vom beeindruckenden Blick über die Stadt eher shabby rüberkommt, über den Service, der mit wenigen Ausnahmen auch eher wie die Barkeeper in einer (gehobenen) Disko agiert, bis zur etwas nervigen Elektro-Mucke.
Die Weinkarte ist umfangreich und spannend kuratiert, aber die Weine - nicht zuletzt die offenen - sind eindeutig zu teuer bepreist und eine individuelle Beratung gibt es dazu nicht.
Das Essen erhält Props für moderne, kreative Ideen, für das beeindruckend klare und konsequente Bekenntnis zur Gemüseküche, und Abzüge für mitunter muffige, sehr knoblauchintensive oder anders missklingende Geschmacksnoten.
Meine Lieblingsgerichte sind der komplexe, auch überraschende und gleichzeitig auf dem Niveau großer französischer Gourmetküche spielende Wachtelgang und eine Melonenkombi mit aromatischer Honigmelone und getrockneter sowie mehrfach ein- und entfrorener Wassermelone, die in Sachen Optik, Konsistenz und auch Geschmack die intendierten Parallelen zu rauchigem, leicht süßlichem Schinken in beeindruckender Weise an den Tag legt.
Von der spröden, schlecht temperierten Brioche bis zu den erstaunlich mittelmäßigen Pralinen mache ich indes im Verlauf des Menüs immer wieder Defizite aus, die ich so von anderen Berliner Sternerestaurants nicht gewohnt bin.
Es ist hier, über Berlin, auf diesem Dancefloor zu früher oder sehr später Stunde, meiner Meinung nach noch ein bisschen was zu tun, um sich im erlauchten Kreis zu etablieren.
Vernachlässigt den Primacy-Effekt: sprödes und schlecht temperiertes Brot mit Butter ohne Besonderheiten
Die ersten Happen mit klarem Gemüse-/Obstfokus, aber wenig geschmacklicher Tiefe
Weitere Starter - ansehnlich und geschmacklich etwas tiefer - sowie Spargel / Mandel / Yuzu
Aubergine / Zucchini / Café de Paris — St. Pierre / Meerrettich / Wilder Spargel — Zucchiniblüte / Jakobsmuschel / Safran — Wachtel / Spitzmorchel / Blaubeere
Sorbet mit Walderdbeeren — Aprikose / Anis / Holunder — Pralinen
Am 23. Juni fand die Michelin-Gala 2026 statt, in deren Rahmen die neuen Sterne im Land verkündet wurden. Im Vorfeld wurde auch darüber spekuliert, ob einzelne Sternerestaurants in Berlin herabgestuft würden. Insbesondere diejenigen mit kürzlich erfolgtem Wechsel an der Spitze rückten ins Blickfeld. Am Ende haben tatsächlich zwei Berliner Restaurants ihren Stern verloren, darunter das Skykitchen, das ungefähr zur selben Zeit wie das Golvet eine neue Küchenleitung erhielt. Warum nun das Skykitchen herabgestuft wurde und das Golvet nicht? Wissen nur die inneren Truppen des GM.
(Dass es keine Aufwertungen in ganz Berlin gab, empfinde ich - bei Restaurants wie dem Brikz, Macionga, Loumi, Tulus Lotrek oder Tim Raue - übrigens als absolut unverständlich. Aber das ist ein anderes Thema.)
Und trotzdem ist es ein Unding, dass hier engagiert und fein gekocht wird und so wenige Menschen dem Erlebnis beiwohnen. Wobei das Ausbleiben der Gäste in den deutschen Gourmetrestaurants ein hierüber hinaus reichendes Problem darstellt. Eines, bei dem die Szene irgendwie verloren wirkt, wenn es darum geht, ein probates Gegenmittel aufzusetzen.
Ambiente 6
Service 6
Getränke 6,5
Essen 6,8
Gesamteindruck 6,4
Was die anderen sagen
Gourmetreport ist sehr angetan.