Skykitchen: Über Berlin

Skykitchen, Berlin *
Ambiente 8,5
Service 8
Getränke 7,5
Essen 7,7
Gesamteindruck 7,9

Meine Bewertung: Über den Dächern der Hauptstadt speist es sich ausgezeichnet - mit deutscher Küche und osteuropäischen Weinen. Ein Küchenchef-Wechsel hat dem Restaurant nicht geschadet. Und hier liegt noch weiteres Potenzial.

Die Geschichte hinter dem Restaurant

Derzeit ist das Wechselkarussell ganz ordentlich im Gange in der gehobenen Berliner Gastro-Szene. So tauschten die Küchenchefs im Golvet und Hugos; im Rutz gab es Veränderungen im Küchenteam.

Und auch die seit 2014 mit einem Stern ausgezeichnete Skykitchen im Vienna House an der Landsberger Allee ist von einem Wechsel des Küchenchefs nicht verschont geblieben. Im Februar 2026 übernahm Christopher Jäger von Sascha Kurgan, der in den letzten Jahren das Lokal mit seinem kreativen, weltoffenen Stil prägte.

Jäger steht für eine klar strukturierte, produktfokussierte Küche mit starkem Fokus auf Saisonalität. Mit Blick auf die Karte könnte man fast von relativ klassischer deutscher Küche sprechen. Jäger war zuvor unter anderem im Adlon, im Horváth sowie im Volt (das es nicht mehr gibt) tätig.

Die Erfahrung

Diese Aussicht.

Das ganz große Plus der Skykitchen liegt außerhalb des Restaurants, in den betonierten Straßenschluchten und auf den ergrünenden Baumwipfeln Berlins (nein, ich stehe nicht unter Drogen). Der Gastraum liegt nämlich im 12. Stock. Im Verlauf des Abends werden sich praktisch alle Gäste immer wieder die Nase an den Scheiben plattdrücken und die Stellung der Sonne aus verschiedensten Perspektiven begutachten. Man sieht, wie grün die Stadt ist, überblickt die urbane Entwicklung im Ostens der Metropole, verfolgt besinnlich die Trams auf ihrem Weg vom oder zum Alexanderplatz, malt sich aus, was gerade im in der Weite auszumachenden Kreuzberg, Charlottenburg oder Marzahn los sein mag. 

Selbst für jemanden, der den Blick von oben auf die Großstadt durchs Glas urbaner Hochhäusern stets mit Freuden einzubauen weiß, ist das ein neuer, hochspannender Blickwinkel.

Das, was vor den Fensterfronten designt wurde, kommt bunt und cozy modern rüber. Die visuelle und gustatorische Reise wird über den Abend von Oldies untermalt, wobei es der Schöpferin der Playlist gelungen ist, ausgesprochen schöne und stilvolle Songs auszuwählen.

Das Menü startet mit den "Snacks" - einem Soja-Gurken-Shot mit einem Tropfen Bärlauchöl und einer Croustade mit Soja, Spargelmus und Kerbel. Der Shot ist (erwartungsgemäß) frisch, die Sojanote lieblich und alles etwas ölig-schwer im Abgang. Die Croustade ist cremig, voll und frisch. 6 und 8 durch 2 ergibt (7). Nach erquicklichem Brot mit Butter (7,5) bringt uns der Skrei mit Sellerie und Saiblingskaviar sowie Skreihaut ein gewisses Küstenfeeling näher, ist aber etwas zu sahnig und eintönig ohne spannende Nuancen (6,5).

Ein gefühlt über Generationen von Küchenchefs weitergegebes signature dish ist hier das Onsenei mit Spinat und weißem Trüffel. Das ist, wie der Kellner treffend beschreibt, "Schlabberkram", aber im Zusammenspiel aus Trüffel, knusprigen Kartoffelstückchen und v. a. dem hocharomatischen Spinat ein exzellenter (8). Kein Frühling in einem kulinarisch deutsch geprägten Restaurant ohne frischen Spargel - hier, ergänzt durch eine Zusatzschale, mit Bärlauch-Sauerampfer-Schaum, Eigelb und Sonnenblumenkernen. Die Kräuter, v. a. der Sauerampfer, liefern zuverlässig ein schönes, frisches Bild; der Spargel ist schwer zu schneiden, aber erfreulich zart im Mund. Zudem schönes Salz, das lange und eher dezent bleibt. Das wahrscheinlich beste Spargelgericht meines Lebens, was aber einer Prämierung à la "beste Eisskulptur der Danakil-Wüste" nahekommt. Bottom line: schmeckt (7,5)!

Der Zander mit Ochsenschwanz und Senfgurke ist eine Art Surf n' Turf. Das Gericht besticht mit toller Würze, die der Ochse mitbringt, und die interessanten Kräuternuancen (v. a. Estragon), aber auch mit seiner Cremigkeit und den Anklängen an die chinesische Aromatik. Vorzüglich (8,5). Das Hauptgericht ist ein Flanksteak mit Röstgemüse (Möhrchen und Sellerie), dazu Liebstöckel und Knochenmark. Das Fleisch ist brillant, das Gemüse deliziös, die Sauce mit ihren Röstaromen wundervoll (8,5).

Der Nachtisch folgt mit Schokolade an Haselnüssen und Quitte, die auch in Chips-Form verarbeitet ist. Eine wunderschöne, tief aromatische Komposition, bei der die Schokolade neben ihrer Süße einen perfekten Bittergrad aufweist und die Quitte die stimmige fruchtig-herbe Note ergänzt (8). Von den Petit(s) Four(s) kann man heute nur im Singular sprechen: ein Gebilde aus Nougat, Pekannuss und Sonnenblumenkernen. Das ist vielseitig, etwas salzig, popcornartig, aber schlicht zu wenig (7,5, kein Foto).

Interessant, wie unterschiedlich Portionsgrößen am Ende eines Menüs sein können - vgl. Bericht zum El Rincón de Juan Carlos.

Eine überschaubare, hochinteressante Weinkarte mit dem Schwerpunkt auf (Süd-)Osteuropa und interessanten Regionen in Deutschland (Saale) ist mal was anderes und lädt zum Stöbern ein. Die Preise sind vollkommen unterschiedlich: von mal 1,5 bis mal 5. Die Sommelière versteht etwas von dieser selten präsentierten Region und geht auf meine Wünsche ein. So wird es dann ein Grüner Veltliner aus der Slowakei und ein aus der autochthonen Sorte Trnjak gekelterter Rotwein aus Bosnien, beide (mir ein bisschen zu) gefällig und schön temperiert.

Der Service lebt derweil vom Lokalkolorit Ostberlins - unsere Servicekraft ist zugänglich, freundlich, erfahren und doch noch enthusiastisch. Die Produkte werden ein bisschen sehr oft als besonders "schön" und "toll" gelobt, aber bei solcher Herzlichkeit und Authentizität wird halt gern "schnabuliert". Als er sich ein Gasthandy schnappt, zu einer Fensterfront trabt, ein paar Mal den Zeigefinger aufs Display schlägt und triumphierend mit einem künstlerischen Foto zurückkommt, geht unser Herz ohnehin auf (und die Sonne über Berlin unter).

Es ist wirklich toll, diese anspruchsvolle und es einem nicht immer leicht machende Stadt von dieser Stelle aus zu betrachten. Und das bei diesem traditionell deutsch geprägten Essen - mit Fokus auf sehr guten Produkten und handwerklichem Verständnis. Hier ist Talent vorhanden und das Restaurant hat seinen gehobenen Platz im Konzert der Gourmetstätten der Hauptstadt mehr als verdient.

Mal sehen, ob ihm nach dem Chefkochwechsel bei der Michelin-Gala der Stern entzogen wird - das passiert immer wieder, auch wenn der oder die Neue schon richtig gut durchstartet.

Es wäre ziemlich ungerecht.

Ambiente 8,5

Service 8

Getränke 7,5

Essen 7,7

Gesamteindruck 7,9

Was die anderen sagen

Nach dem jüngsten Wechsel des Küchenchefs war keine/r der einschlägigen Fine-Dining-Bloggenden hier.

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