Irma la Douce: Weit von der roten Laterne
Meine Bewertung: Ein ganz eigener, mondäner Stil macht das Irma la Douce in Kombination mit hochwertigen Speisen, sehr gutem Service und günstigen Weinen zu einem der besonders empfehlenswerten Berliner Gourmeterlebnisse. Zumal es angesichts seiner Menü-/Preisgestaltung eine breite Klientel einlädt, unkompliziert und atmosphärisch Sterneküche auszuprobieren.
| Irma la Douce, Berlin * | |
|---|---|
| Küche | 7/10 |
| Ambiente | 8/10 |
| Service | 7,5/10 |
| Getränke | 7,5/10 |
| Gesamteindruck | |
| Erfüllungsaufwand | |
|---|---|
| Menüpreis (ca.) | 133 € |
| Buchung | relativ kurzfristig online bzw. telefonisch |
Die Geschichte hinter dem Restaurant
Das Irma la Douce wurde Ende 2019 vom erfahrenen Gastronomen Jonathan Kartenberg an der geschichtsträchtigen Potsdamer Straße an der Grenze zwischen Tiergarten und Schöneberg eröffnet. Der Name ist von Billy Wilders Komödie „Das Mädchen Irma la Douce“ aus dem Jahr 1963 inspiriert, die auf ein französisches Musical zurückgeht und von einer Pariser Prostituierten handelt. Das passt wiederum augenzwinkernd zur Historie der Potsdamer Straße, die traditionell ein berüchtigtes Rotlichtviertel war (und im Rahmen eines erweiterten umgebenden Straßen(strich)systems noch immer ist).
Trotz der Eröffnung kurz vor der Corona-Pandemie - in den Räumlichkeiten der zuvor hier ansässigen Brasserie Lumières - legte das Restaurant los wie eine Rakete von Isar Aerospace und wurde bereits wenige Monate nach dem Start unter dem damaligen Küchenchef Michael Schulz mit einem Stern ausgezeichnet. Man beachte, dass der effektive Lockdown des gesellschaftlichen Lebens in die Zeit fiel, als das Restaurant sich zu etablieren suchte - was nichtsdestotrotz in bemerkenswerter Weise gelang.
2023 übernahm der Italiener Francesco Contiero die Küche. Den Stern verteidigt er seitdem. Contiero lernte an der internationalen Kochschule ALMA in Parma. Von 2014 bis 2021 prägte er als Küchenchef das mit einem Stern ausgezeichnete Richard in Kreuzberg. Vor seinem Wechsel ins Irma la Douce arbeitete er bereits in Kartenbergs anderem Restaurant Eins44 als Küchenchef.
Er bedient ein grundsätzlich französisches Profil mit italienischen Einflüssen, was sich auch bei seinen signature dishes - Risotto und Carbonara - zeigt, zu denen es im weiteren Verlauf des Berichts noch etwas zu sagen geben wird. Außerdem wird hier grundsätzlich à-la-carte bestellt, was eine erfrischende Alternative zur üblichen Tasting-Menü-Nötigung darstellt. Und der sehr fair bepreiste Mittagstisch ist für Junggourmets aller Couleur sicherlich von Relevanz.
Die Erfahrung
Ambiente
Meterhohe Decken, der historische Stuck und das klassische Pariser Brasserie-Interieur versprühen Charme. Bei musikalischen 1920s inklusive Jazz, Blues und Chansons, aber alsbald auch Modernerem, und einem (subtilen) Hauch Rotlicht kommt Stimmung auf - ganz anders als an anderen, immer häufiger steril anmutenden Stätten, über denen die Sterne prangen. Think: normale Brasserie mit einem Akzent Burleske, Frechheit und mondän-urbane Großzügigkeit.
Das Sprachmodell behauptet, die markanten grünen Vorhänge des Gastraums seien eine liebevolle Hommage an die ikonischen grünen Nylonstrümpfe, die Shirley MacLaine im namensgebenden Film trug. Keine Ahnung, ob es hier halluziniert, aber die Stimmung passt so schon - ohne dass das Thema zu dominant wäre oder nach durchgehender Befassung verlangte. Der Fokus darf auf dem Essen liegen. A propos...
Das Menü
Den Einstieg bildet ein Brotteller mit Milchbrötchen und Sonnenblumen-Kürbiskern-Crackern. Dazu werden Salz und Butter serviert.
Das Knäckebrot hat die Art von Crunch, den man sich bei einem solchen Gebäck aus elaborierter Backstube erhofft; das Brötchen ist derweil eher unspektakulär. Die Butter weist eine prägnante Sahnigkeit auf, dabei aber keinen auffälligen Geschmack. 6,5 / 10
***
Meine Vorspeise ist ein Thunfisch-Crudo, also roher Thunfisch mit Öl, Zitrone und darunter ein Römersalat mit Melone sowie Dashi.
Der beeindruckend frische, würzige, japanisch anmutende Salat ist schon mal ziemlich stark. Der extrem aromatische, superzarte Thunfisch zerfällt an der Zunge. Leichte Abzüge für die nicht hundertprozentig passende Zusammenstellung, aber die Einzelkomponenten sind herausragend. 7,5 / 10
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Weiter geht's mit einem der signature dishes: ein Risotto mit Naturreis, verschiedenen Waldpilzen und Kerbel an einer Single-Malt-Schaumsoße.
Das ist würzig, rauchig, pilzig und vielseitig in den Seitennoten. Die Whiskynote webt sich stimmig ein und hievt das Gericht, zusammen mit der schönen Erdigkeit, auf ein Niveau oberhalb des (einen) Sterns. 7,5 / 10
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Es folgt die Spaghetti Carbonara mit Pancetta, ein weiteres signature dish.
Da sind die absolut perfekt al dente gekochten Spaghetti, der intensive Speck, den ich selten bis nie so reichhaltig, salzig und doch nicht over-the-top hatte, und die traditionelle Carbonara-Sauce von besonderer Intensität. Außerdem sind die leichte Säuerlichkeit, das umfassende Umami und der brillant dosierte Hochwert-Pfeffer zu erwähnen. So gut kann eine "einfache" Carbonara schmecken. 8 / 10
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Meinen Hauptgang bildet eine Bouillabaisse mit roter Garnele, Knurrhahn und Muscheln. Dazu Kartoffelbrei und Focaccia sowie eine Rouille-Sauce.
Das ist eine feine Bouillabaisse mit sehr guten Produkten auf Sterneniveau. 7 / 10
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Als Dessert wähle ich Reineclaude-Eis mit einem Küchlein u. a. aus Mandel und Dulcey-Schokolade.
Das ist erfrischend, süß und weniger spektakulär. 6,5 / 10
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Den Abschluss bildet als Überraschung ein Zwetschgenküchlein.
Das ist erstaunlich wenig süß und schöpft sein Potenzial trotz der schönen Säure nicht aus. 6 / 10
Getränke
Eine eher knappe, aber feine Weinkarte mit deutlichem Schwerpunkt auf Frankreich. Für Deutschland sind eher Platzhirsche dabei, aber mit einer recht vielfältigen Auswahl der Weine selbst. Die Preise sind ausgesprochen fair. Dazu eine Seite Weine, die glasweise ausgeschenkt werden und ein breites Spektrum abdecken. Auch die Digestifkarte ist erfreulich stark besetzt und das "Irma-la-Douce-Wasser" als 0,75l für schlappe 4 Euro zu haben.
Nett zudem, dass jedem Gericht die passende Weinbegleitung zugeordnet wird und diese vor allem auch meist gut funktioniert.
Service
Die telefonischen Kontakte im Vorfeld (Reservierung unter besonderen Umständen und Check, ob alles so bleibt, am Vortag) sind ausgesprochen nett und zuvorkommend. Dabei geht es auch um den bestmöglichen Service für einen Hund und die Möglichkeit, für Kinder einfach etwas nach Wunsch zu kochen.
Vor Ort bestätigt sich das Bild: Nachdem das Wichtigste geklärt ist (Hund hat Wasser), zeigt sich das Team äußert professionell, gut geschult und dabei sehr motiviert und herzlich.
Fazit
Das "Irma" hat vielleicht nicht die wirklich eigenwilligen features, die es zu einem berlintypischen Unikat in der Gourmetszene machen würden. Es ist indes eine faszinierende Melange aus einem Hauch (vergangener) Verruchtheit, Lebensfreude im Hier und Jetzt, Lust auf Gastfreundschaft und dem bodenständigen Angebot an eine breite Klientel: Hier gibt es individuelle Wahlmöglichkeiten und eine geradezu spottbillige Mittagskarte. Und der Guide Michelin trifft mit seiner Wertung bei fast allen Speisen ins Schwarze. Vor diesem Hintergrund ist das Irma la Douce eine uneingeschränkte Empfehlung an alle, die in Berlin unkompliziert richtig gut essen wollen.
Küche 7
Ambiente 8
Service 7,5
Getränke 7,5
Gesamteindruck 7,4
Was die anderen sagen
Esspress spricht eine Empfehlung aus.
Cremeguides war zu Beginn da…
… Tischdecken hingegen vor kurzem. (Wertung: 8,5/10)
Außerdem hat der RBB einen Beitrag übers Irma gemacht.
Wenn Dir das gefallen hat
dann schau Dir andere Berliner Einsternerestaurants an.