ATAMA: Erste Liga
Gastrezension
| ATAMA by Martin Stopp, Sankt Ingbert ** | |
|---|---|
| Ambiente | 8 |
| Service | 9 |
| Getränke | 8,5 |
| Essen | 8,3 |
| Gesamteindruck | 8,4 |
Meine Bewertung: Ein weiterer Aufsteiger im beschaulichen Saarland ist das neue Restaurant von Martin Stopp, das 2025 aus dem Stand zwei Sterne erhielt. Zurecht, wie hier schnell deutlich wird. Und der Sohnemann erhält ein Programm wie sonst nur First Ladies bei Staatsbesuchen.
Die Geschichte hinter dem Restaurant
Elversberg ist gerade in die erste Bundesliga aufgestiegen. Kulinarisch spielt das Saarland schon lange in der ersten Liga: Derzeit gibt es acht Sternerestaurants auf rund 1 Millionen Einwohner.
Direkt um die Ecke liegt Sankt Ingbert, wo Martin Stopp 2025 das ATAMA by Martin Stopp“ eröffnet hat. Stopp war zuvor nach Stationen unter anderem bei Klaus Erfort Küchenchef im doppelt besternten Louis in Saarlouis. In Vorbereitung auf das Atama betrieb er zuletzt das Pop-up-Restaurant „Tao“. Noch im Eröffnungsjahr erhielt das Atama 2025 aus dem Stand zwei Sterne. Stopps Wirken ist auch dem Großen Restaurant & Hotel Guide nicht entgangen. Er zeichnete Stopp 2026 als Koch des Jahres aus.
Atama ist das japanische Wort für „Kopf“ und steht laut Stopp für Denken, Verstand und Hingabe, die in jedem Detail beim ATAMA erlebbar seien.
Ich melde mich rund eine Woche vor dem Besuch, um das Menü abzustimmen. Ich finde die Möglichkeiten ein wenig unübersichtlich. Es gibt das produktfokussierte „Menü für die Seele“ (7 Gänge für 235 Euro) und das experimentellere „Menü für die Sinne“ (7 Gänge für 195 Euro). Darüber hinaus kann man à la carte bestellen. Daneben gibt es einen Mittagstisch und ein speziell auf die in der angeschlossenen Cocktailbar angebotenen Drinks abgestimmtes Menü.
Darüber hinaus will ich abklären, wie man beim Besuch mit Kindern umgeht. Ich erfahre, dass man ein Menü für Kinder selbst gestalten kann. Ich bin baff. Nach Rücksprache mit dem Sohn soll es Misosuppe und Chicken Nuggets mit Pommes und Ketchup geben. Nun denn.
Die Erfahrung
Das Restaurant befindet sich in einer renovierten Villa, die durch einen Neubau ergänzt wurde. Es ist relativ groß mit rund 60 Plätzen. Diese verteilen sich auf zwei Gasträume sowie eine Terrasse. Sofas und Vorhänge sind in einem warmen Rot-Orange gehalten. Aus den Boxen ertönt eine Mischung aus Ambient und House.
Während ich eigentlich ein wenig gelangweilt von der Kombination Französisch-Japanisch bin, hat mich bei der Recherche besonders das produktbasierte Menü für die Seele angesprochen. Entgegen meiner Erwartung wird sich herausstellen, dass es weniger japanisch ist, sondern eine Reise mit allerlei panasiatischen Einflüssen.
Das Menü beginnt mit der „Snack Time“: In diesem Rahmen reisen wir zunächst nach Korea. Ich erhalte das „Shisoblatt“. Wie beim Korean BBQ wickelt man Rinderfilet und Knoblauch in dem Blatt ein. Stopp ergänzt diese klassischen Zutaten mit Melone. Was direkt auffällt: Die Produktqualität ist einwandfrei. Das Rinderfilet herrlich zart und die Melone bringt eine angenehme Frische. Die Süße und der Knoblauch hallen nach (8).
Währenddessen werden dem Sohn Minipizzen kredenzt.
Von Korea geht es für mich dagegen nach Japan. Zumindest ist das meine Erwartung, als die „japanische Waffel“ serviert wird. Die knusprige Waffel ist mit einer feinen Creme und Kaviar gefüllt. Ich wähne mich aber plötzlich viel eher in Kopenhagen. Das könnte auch ein Gang im Jordnaer sein (8). Wir bleiben in Europa. Erbse, Dattel & Pecorino wird serviert. Die Erbsen sind auffallend groß und schaffen ein harmonisches und erdiges Geschmacksbild. Im Abgang meine ich ein wenig Schärfe zu spüren (8). Es folgt blaue Garnele und Lauchöl. Das Öl ist angenehm. Das Gericht ist handwerklich sicherlich einwandfrei, aber überzeugt mich nicht auf demselben Niveau wie die Vorgänger (6,5).
Nach der Snack Time folgt als Amuse Bouche Karpfen – gereift und mariniert. Der Fisch wird ergänzt mit Radicchio, Sonnenblumenkernen und Tomatenkimchi. Die Sonnenblumenkerne stehen im Fokus des Gerichts. Kurioserweise erinnert das gesamte Geschmacksbild aber an Papayasalat (7,5). Das eigentliche Menü beginnt französisch mit Foie Gras glacé & brûlée. Diese wird mit Rhabarber, Himbeere und Macadamia serviert. Als Beilage gibt es ein Brioche Feuilletée, welches die Lockerheit von Brioche mit der Schichtstruktur von Blätterteig vereinigt. Das eigentliche Gericht ist wunderbar cremig und ich meine, eine Karamellnote entdecken zu können. Das ist besser als zwei Sterne (8,5). Das Brioche fungiert für mich dagegen „nur“ als nette Ergänzung.
Für unseren Sohn gibt es die gewünschte Misosuppe. Ich probiere sie. Sie ist herausragend und könnte genauso gut im normalen Menü laufen.
Es folgt Rauchfisch und Ossietra-Kaviar. Dazu gibt es (geeisten) grünen Apfel, Wasabi, Gurke und Gartenkresse. In den Teller wird noch ein heißer Dashi gegeben. Neben der bemerkenswerten Qualität des Fisches beeindruckt der Kontrast vom geeisten Apfel und heißem Dashi. Das ist wirklich gut (8). Das Menü wird nun durch einen Brotgang unterbrochen. Als Beilage gibt es Kräuterhollandaise und Misobutter. Das Brot ist von zweifelloser Qualität, aber gerade die Aufstriche treffen für mich nicht dieselben Höhen der vergangenen Gänge (7,5).
Auf der Kinderseite gibt es nun selbst gemachte Pommes und Chicken Nuggets. Auch diese sind exzellent.
Wir bleiben in Frankreich. Für mich gibt es Stör. Sieben Tage gereift und gebraten, serviert mit Erbsen, Brunnenkresse und Zitrus-Beurre-Blanc. Der Stör ist von herausragender Qualität und bemerkenswert bissfest. Die Erbsen sind das auch, und auch hier auffallend groß. Der eigentliche Star ist aber die Butter: cremig und reichhaltig. Großartig (8). Und dann passiert etwas Besonderes. Das beschauliche Sankt Ingbert verwandelt sich in den Orient. Rücken vom Somafer Lamm, Rosinen und eine Kumquatsphäre werden aufgetischt. In einer Karottenrolle versteckt sich Couscous. Dazu gibt es einen „Beilagensalat“ mit Lammbauch auf einem Salatblatt. Ich habe Lamm auf diesem Niveau noch nie gegessen. Auf den Punkt zubereitet, mit einer Fettschicht zum Niederknien. Der dazu gereichte Minzjus passt hervorragend. Für so was geht man exquisit Essen (10).
Aus dem Orient geht es nach Australien oder Neuseeland. Beide Länder beanspruchen die Pavlova als Nationalgericht (Nationaltorte?) für sich. Die Baisermasse wird mit Langpfeffer, Ziegenkäse, Olivenöl und Erdbeerkombucha gereicht. Ich habe selten so ein erfrischendes Gericht gegessen. Mit einem solchen Nachtisch muss sich Stopp vor niemandem verstecken (9).
Der Service entführt unseren Sohn in die Küche. Er darf sich einen eigenen Teller Nachtisch zusammensuchen.
Zum Abschluss geht es zurück nach Frankreich. Stopp kredenzt seine Version des Klassikers Paris-Brest mit gerösteten Mandeln, Grand-Marnier-Sauce und Vanilleeis. Das ist eines der besten Nachtischgerichte, die ich je probieren durfte. Es ist schlicht eine Wonne, wie die gerösteten Mandeln perfekt mit der Likörsauce harmonieren. Dazu erlesenstes Vanilleeis. Selbst in Dreisternerestaurants fällt mir auf Anhieb kein so herausragender Nachtisch ein (10). Nach dreieinhalb Stunden lassen wir uns die Petits Fours einpacken. Am nächsten Tag freue ich mich über einen kleinen Kuchen (7), eine Mango- (8,5) und eine Schokoladenpraline (9).
Die Getränkekarte setzt im Weißweinbereich auf regionale, insbesondere Mosel-Weine, während der Rotweinbereich vor allem französische Weine bietet. Klar und fokussiert wird das Angebot durch die Cocktailbar ergänzt, die neben Klassikern auch ausgefallene Kreationen anbietet. Ich konzentriere mich auf die Cocktails. Eine kluge Idee, denn diese sind großartig.
Dann verabschiedet sich Martin Stopp persönlich von uns und ist offen für ein wenig Smalltalk. Nicht jeder Gastronom, der für ein Restaurant im Saarland mit dem Namen steht, ist so nahbar. Überhaupt ist der Service durchgehend herzlich und auf höchstem Niveau professionell. Sowohl die Kellnerin als auch der Sommelier stehen für anregende Gespräche zur Verfügung und runden das kulinarische Erlebnis perfekt ab. Das Programm für meinen Sohn ist absolut überragend.
Fazit: Martin Stopp betreibt in Sankt Ingbert ein starkes Zweisternerestaurant. Auf Sicht wird er ein Kandidat für eine Aufwertung sein. Schon jetzt spielt er in der ersten Liga der deutschen KöchInnen und muss sich weder im Saarland, noch in der Bundesrepublik vor irgendjemandem verstecken. Mal sehen, ob die SVE auch so einschlägt.
Ambiente 8
Service 9
Getränke 8,5
Essen 8,3
Gesamteindruck 8,4
Was die anderen sagen
Nichts. Interessanterweise gibt es noch keinen vollständigen Bericht auf den einschlägigen Blogs. Die Nutzenden auf Google Maps (5,0 bei 362 Bewertungen!) und Yelp sind durchgehend begeistert.
Bernd Grill erwähnt das ATAMA nur in einer Übersicht und stellt fest, dass Martin Stopp beachtliche Hochküche und auf viel Unterhaltung setzt. Er sieht das ATAMA bei zwei Sternen.
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