Ca' Leone: An der Tölzer Adria
| Ca' Leone, Bad Tölz | |
|---|---|
| Ambiente | 7 |
| Service | 6,5 |
| Getränke | 7 |
| Essen | 6,6 |
| Gesamteindruck | 6,7 |
Meine Bewertung: Vatertag in Oberbayern. Statt Bollerwagen und Bier ein gehobenes italienisches Essen und eine überzeugende Weinauswahl in gediegenem Setting. Ein gelungenes Alternativprogramm.
Die Geschichte hinter dem Restaurant
Das Ca' Leone ist ein modern interpretiertes italienisches Restaurant in den Outskirts von Bad Tölz, im dortigen historischen Gebäude des Alten Fährhauses direkt am Ufer der Isar. Das von Valeria und Mario Leone geführte Lokal gilt als kulinarische Oase des Ortes, was gehobene nicht-bayerische Küche betrifft.
Chefkoch ist Matteo Conti. Er stammt ursprünglich aus der italienischen Region Marken und war vor dem Alten Fährhaus in renommierten Küchen u. a. in Frankreich, Großbritannien, Marokko und den USA tätig.
Das klingt nach einem reizvollen Programm für den Vatertag - Bollerwagen und Bierkästen müssen also heute zuhause bleiben.
Die Erfahrung
Die Lage ist sehr schön; im Sommer sitzt es sich auf der Terrasse besonders nett. Bei der heutigen wolkig-kühlen Witterung sitzen wir innen und erfreuen uns an der die Wände zierenden Kunst und der entspannten Hintergrundmusik.
Das Menü startet mit hausgebackenem Focaccia und Brot. Das Focaccia ist von edler Öligkeit, das Brot knusprig und mit einer - im positiven Sinne - etwas eigenwilligen Note. Butter ist dabei, Olivenöl wäre noch besser gewesen (7,5). Der Gruß aus der Küche ist dann eine Kürbissuppe mit Balsamico und Haselnussstücken. Das ist dezenter, aber purer Kürbisgenuss mit einer optimal zusammengestellten Mischung aus dem Balsamico und den wohldosierten Nüssen. Könnte allerdings etwas wärmer sein (6,5).
Es folgt die "kreative" Parmigiana mit Aubergine und einem Dreierlei von Cremes aus Basilikum, Parmigiano und Tomate. Die Aubergine ist noch eine Spur zu hart, ansonsten liefert das ein sehr schönes Rundumbild (6,5). Eines der signature dishes ist hier der geräucherte Saibling mit bei 63 Grad zubereitetem Ei, Foie-Gras-Mousse, Pan Brioche und Vin-Santo-Sauce. Die Hauptkomponenten (Foie Gras und Fisch) liegen auf dem Toast und weisen warme und kalte Elemente auf. Diese Temperaturunterschiede empfinde ich eher als fordernd denn als harmonisch bzw. originell; das wird aber durch die geschmackliche Vielseitigkeit, Tiefe und Länge sowie die unerwarteten Gewürze (hier kommt auch etwas Japanisches zum Vorschein) wettgemacht (7).
Es folgen Ravioli mit geschmortem Rindfleisch an Barbera-Sauce und Casera-Käsecreme. Der erste Bissen erzeugt eine kurze Phase der Ratlosigkeit: Das Fleisch ist unglaublich intensiv und erinnert eher an Hammel oder manches Wild als an Rind. Die Note baut sich riesengroß auf und droht den Rest zu überlagern. Kauen, runterschlucken, neuer Bissen. Peu à peu kommen die sehr feinen weiteren Zutaten, der brillant dosierte Pfeffer und die herausragend al dente gekochte hausgemachte Pasta zur Geltung. Da ich die ganze Autofahrt über den Geruch von frisch verspeistem Hundefutter in der Nase hatte, den die kleine Begleiterin von sich gab, hätte ich dieses Gericht angesichts gewisser geruchlicher Parallelen fast zu niedrig bewertet. Es ist aber unglaublich intensiv und eine wirklich besondere Pasta (7,5). Die nebenan servierten Tagliatelle mit Garnelen und Forellenkaviar an Ricotta-Quenelle mit getrockneten Tomaten sind derweil sehr sahnig und knoblauchreich und weit weniger komplex (6).
Dann kommt Oktopus und Ginger Beer auf Lauch-Kartoffel-Creme an Paprikaöl. Dieses Gericht versetzt mich in die Gegend um Triest, erinnert kulinarisch ein wenig an Kroatien. So schmecke ich hier Ajvar und viel Knoblauch heraus. Beim Genuss von so viel Oktopusfleisch muss ich irgendwann an ein lebewesenunwürdiges Schauspiel in Korea denken, dem ich beiwohnen "durfte". In diesem Moment wird mir bewusst, dass das nicht meine Lieblingskonsistenz für den längeren Verzehr ist. Auch ist die Kartoffelsubstanz unspektakulär und das Ginger Beer unauffällig, während eine (kalte) Paprikaessenz am Rand des Tellers ziemlich gut schmeckt (6).
Der Nachtisch zum Menü ist ein Vanille-Semifreddo mit Pistaziencreme und gerösteten Mandeln. Das ist perfekt (semieisig) temperiert, mit viel Knusprigkeit durch das Mandelkaramell und einer zarten, dubaischokoladigen Pistaziennote ausgestattet. Die Vanillenote ist indes nicht so intensiv wie erwartet, aber es verbleibt eine angenehm runde Sahnenote im Mund (6,5). Zusätzlich bestelle ich das zweite signature dish, ein hausgemachtes Vanilleeis mit Grand Marnier, Kaffeekaramell und Amaretti-Crumble. Das schmeckt wie Tiramisu mit Grand Marnier - mit einem Manko: Das Biskuit ist hart und schwer so zu essen, dass eine optimale Vermengung möglich wäre. So stellt sich das Gefühl ein, dass man das Gericht hätte besser präsentieren bzw. durchweichen lassen können. Trotzdem schmackhaft und ein guter Abschluss (6).
Die Getränkekarte ist (relativ) klein, aber fein. Eine vielfältige und durchdachte Auswahl mit viel Italien sowie interessanten deutschen und französischen Weinen. Die Preise sind fair, bei den höherpreisigen Klassikern (Sassicaia, Ornellaia) sogar ausgesprochen fair. Der Wirt berät und zeigt eine gewisse Flexibilität bei Sonderwünschen. Es gibt einige offene Optionen (die nicht meine sind) und Bier einer kleinen, feinen Brauerei. Dazu gute Digestifs, u. a. von Klaus Gundel, dessen Erzeugnisse auch beim Wein hier promotet werden.
Die Gastgeberin und der Gastgeber schaffen eine durchweg angenehme, einladende Atmosphäre. Er verwechselt ein paar Gänge und AbnehmerInnen - so kommt z. B. ein Schoko- statt einem Erdbeereis; der Umgang damit ist aber selbstironisch, liebevoll und großzügig. Etwas störend ist hingegen, dass man sich beim Sprudel nicht zwischen Fine Dining und normalem Lokal entscheiden kann: Die Flaschen stehen am etwas entfernt gelegenen Beitisch, werden von dort aber äußerst selten zum Nachschenken gebracht. Dann lieber gleich zur Selbstversorgung auf den Tisch.
Fazit: Ein wirklich guter Italiener an einem schönen Ort. In seiner Gesamtheit noch nicht auf Sterne-Niveau, aber einzelne Gänge sehe ich schon da. Ein Besuchstipp, wenn man in der Gegend ist.
Ambiente 7
Service 6,5
Getränke 7
Essen 6,6
Gesamteindruck 6,7
Was die anderen sagen
Von den üblicherweise hier zitierten Bloggenden finden sich keine Einschätzungen zum Ca' Leone.
Wenn Dir das gefallen hat
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Italien in Schloss Bensberg
mein bestes italienisches Restaurant bisher
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