L.A. Jordan: Deidesheim am Meer

Meine Bewertung: Daniel Schimkowitsch hat mit seinem Team eine beeindruckende Entwicklung genommen und vermag es, die besten (maritimen) Produkte der Welt nach Deidesheim zu holen. Trotz einiger absolut herausragender Gerichte vermisse ich indes die Konstanz, die den Unterschied zwischen zwei und drei Sternen ausmacht. Im Service sind Defizite auszumachen, wobei ich die Ursache zu erahnen glaube.

L.A. Jordan, Deidesheim ***
🍽️Küche 8,1/10
✨Ambiente 8/10
🤵Service 7,5/10
🍷Getränke 8/10
⭐Gesamteindruck
7,9/10
SEHR GUTE ERFAHRUNG
Erfüllungsaufwand
💶Menüpreis (ca.) 325 €
📅Buchung viele Wochen im Voraus online
 

Die Geschichte hinter dem Restaurant

Heute widmen wir uns dem Fine-Dining-Aushängeschild des pfälzischen Weinorts Deidesheim.

Nein, nicht diesem. Aber ein polithistorisch interessanter Ort: In den Deidesheimer Hof lud Helmut Kohl Staatsgäste zum Saumagen-Essen ein.

Idyllisches Deidesheim

Wir schauen vielmehr auf das andere historische Spitzenhotel Ketschauer Hof und sein im Juni 2026 mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnetes Restaurant L.A. Jordan.

Das Restaurant öffnete im Jahr 2006 im Zuge einer umfassenden Sanierung und Neuausrichtung des Hotels. Der später vergebene Name L.A. Jordan leitet sich von Ludwig Andreas Jordan (1811–1883) ab. Er war ein bedeutender pfälzischer Politiker, Winzer und Bürgermeister von Deidesheim, dessen Familie das Weingut (heute Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan) und das historische Anwesen über Generationen prägte. Mit den Hollywood Hills, Westcoast Rap oder den Universal Studios hat das ebensowenig zu tun wie mit bestimmten Sneakers oder dem dahinter steckenden Jahrhundertbasketballer.

Fachwerk statt Footwork

Im Jahr 2014 übernahm der Oberbayer Daniel Schimkowitsch die Position des Küchenchefs im Flaggschiff-Restaurant. Die Entwicklung seitdem ist mehr als bemerkenswert und gipfelte jüngst darin, dass wir nach der Schließung des Wolfsburger Aqua wieder zwölf Dreisternerestaurants in Deutschland verbuchen können.

Ob der jüngste Aufstieg zu schnell kam für die L.A.ckierbranche?

Schimkowitsch, der zuvor in Garmisch und bei Christian Jürgens gearbeitet und dann in seinen Zwanzigern im Münchner Restaurant Tramin seinen ersten Stern erkocht hatte, etablierte im L.A. Jordan einen neuen, eigenen Stil: Die Menüs zeichnen sich durch eine radikale Konzentration auf extrem hochwertige (maritime) Produkte aus. Diese in aller Frische nach Deidesheim zu bringen, erfordert bestimmt eine sehr anspruchsvolle Logistik. Ein vegetarisches Menü gibt es nach meiner Kenntnis derweil nicht. Aber dafür bin ich heute auch nicht hier.

Die Erfahrung

Ambiente

Wir kommen leicht verspätet an und finden eine moderne, stylishe Location mit drei Essensbereichen vor: eine Eventarea, die nicht für reguläre Gäste zugängig scheint und auch etwas abseits - im Eingangsbereich - gelegen ist, und zwei Räume mit unterschiedlichem Design (vgl. Fotos).

Wir sitzen im eigentlich schicksten Bereich mit Blick in die Küche. Eine Weingut-Werbewand weist wenig subtil auf die zur Gruppe gehörenden WinzerInnen aus dem Ort hin. Dass es sich dabei um einige der besten Weingüter Deutschlands handelt, steht auf einem anderen Blatt.

Im Hintergrund wird in optimaler Lautstärke Joy Division, Dire Straits, The Beatles, Pink Floyd und ähnliches von der Klassikerplaylist gespielt - das passt gut zum angenehmen Ambiente.

Das Menü

... startet mit einer Buchweizen-Tartelette mit rohen Krabben, Yuzu, Nashi-Birne, Ají-Amarillo-Öl und Créme Cru.

Erst zieht eine cremige Frische auf, die vom schleimig-schmelzigen Meerestier begleitet wird. Eine schöne Schärfe kommt auf, aber insgesamt ist der Happen nicht übermäßig komplex, während einzelne Zutaten wie die Birne mir sogar deutlich zu dezent sind. 7,5 / 10

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Es folgt eine "Praline" vom Balfego-Thunfisch mit Spitzpaprika und Gänseleber.

Hier habe ich Assoziationen von Fischbrötchen, mit tiefer Würze einerseits und größtmöglicher Dezentheit auf der anderen Seite. Überkomplex ist das eher nicht, aber eine coole, exzellent ausgeführte Idee. 8 / 10

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Der 21 Tage gereifte Loup de Mer mit Gurke, Zwiebel und Lavendel folgt.

Das ist wenig gewürzt; die Gurkennoten prasseln zielgenau auf den Gaumen ein; ansonsten bleibt die Speise eher blass und dünn, ohne nennenswerte Breite und Länge. 6,5 / 10

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Nun wird "XO Beef" serviert, das Fleisch von alter Kuh, das über pochierte KYS-Austern gelegt wurde. Dazu gibt es ein japanisches Wafu-Dressing und unten wartet eine Scheibe Amela-Tomate.

Das ist schwierig zu essen, weil die Teile voneinander abgegrenzt sind und es zumindest mir nicht gelingt, alles in optimaler Portionierung und Proportion auf dem Besteck zusammenzuführen. Dabei sind die Einzelkomponenten beeindruckend. Die Tomate passt bedingt zum Rest, so aromatisch sie auch ist. Und der Sud ist mein (gar nicht so) heimlicher Favorit, während - außer einer netten Shisonote - wenig nachhallt. 8 / 10

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Als gehobene Sättigungsmaßnahne werden wir mit hausgebackenem Sauerteigbrot "Hildegard" mit Beurre Bordier, Yuzu-Olivenöl und Okinawa-Salz versorgt.

Das Brot ist richtig heiß und weist eine spezielle Räuchernote auf. Die Butter ist komplett hart, was eigentlich nicht sein sollte, und das Olivenöl total voll und fruchtig, dabei aber (mir) auch etwas zu süß. 7,5 / 10

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Der erste offizielle Gang wird uns serviert: Königskrabbe auf Koshihikari-Reis, Abalone-Vinaigrette und Palmherz. Obenauf N25-Oscietra-Kaviar.

Ein absolutes Maximum an Produktqualität, das selbst in Japan so nicht an jeder Ecke zu finden ist. Dazu die optimale Abstimmung aller Zutaten, wobei der bissfeste, umami-reiche Reis und der wundervolle Kaviar besonders intensiv schmecken. Glücksgefühle bei und nach jedem Bissen. 9 / 10

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Während das Timing (Servieren des Gerichts unmittelbar nach dem Brot) sowie die Beschaffenheit des Tellers mit Blick aufs Auslöffeln als suboptimal bezeichnet werden müssen, wollen wir nicht kleinlich sein und widmen uns dem folgenden Gang: Stör mit Froschschenkel, wildem Knoblauch (Bärlauch), Kaviar und schwarzem Trüffel.

Ein fischiger, säuerlicher, kräuteriger Geschmack dominiert hier und ein toller Fond weiß zu begeistern. Das ist mal richtig komplex, mit der stimmigen, etwas drüber eingestellten Bärlauchnote und dem gut eingebundenen Kaviar. Dabei ist eigentlich die Sauce der Star des Gerichts. 8,5 / 10

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Es folgt Kinmedai von den Kanaren mit Erbsenmousse und Saucen aus mit Zitronenverbene verfeinertem Röstfischsud und geklärter Butter aus Austern und Jakobsmuscheln.

Der Fisch ist etwas ganz Besonderes und in Deutschland schwer zu bekommen. Trotzdem empfinde ich ihn in seiner Textur und beim Mundgefühl als interessanter denn beim eigentlichen Geschmack, der trotzdem angenehm schmelzig ist. Das Erbsenpüree ist indes tiefgehend nussig-würzig und der Sud (zu) salzig. 8 / 10

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Nun steht das signature dish an: "Mr. Kaisergranat“ mit Koji-Lack, Sobrasada und Kalamansa-Bisque.

Der auffallend große Kaisergranat scheint es zu genießen, in einem ölig-zitrischen, sehr intensiven und warmen Sud zu baden, dessen einnehmende Cremigkeit ein bisschen an ein Thaicurry, ein bisschen an eine französische Beurre Blanc erinnert. Zu fett ist hier trotzdem nichts, alles bei einer brillant dosierten Schärfe. Huch, da hätte ich fast vergessen, die Hauptrolle zu würdigen: Der Kaisergranat ist in jeglicher Hinsicht am Maximum - besser kann so etwas nicht zubereitet werden und schmecken. Und insgesamt kann man den Gang guten Gewissens als wunderbares Kaleidoskop der Aromen und (positiven) Gefühle bezeichnen. 10 / 10

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Es folgt eine Erfrischung in Form eines Häppchens mit grünem Apfel, Ingwer und Kapuzinerkresse.

Extrem frisch, alle Produkte sind auf den Punkt dargestellt; es entwickelt sich eine wundervolle Schärfe, die optimal abgestimmt ist, und am Ende kommt nochmal der Apfel durch. Manche geben für einen solchen Zwischensnack per se keine Spitzennoten. Ich vergleiche es innerhalb genau dieser Kategorie und hier ist es großartig an dieser Stelle. 9 / 10

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Als Hauptgang gibt es Poltinger Lamm mit Kopfsalat, Chimichurri-Hollandaise und Sherry-Lamm-Jus.

Das Lamm ist erneut von optimaler Qualität und Zubereitung, mit dezenter Schärfe, vollmundiger Hollandaise-Sahnigkeit und einem Kopfsalat, der so genial fruchtig-röstig aromatisiert ist wie nie. 9 / 10

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Dessert Nummer eins ist ein gefrorenes Shiso-Blatt mit Reineclaude, Joghurt und weißer Schokolade.

Ich liebe Shiso, aber hier ist selbst mir das ein bisschen zu dominant. Sonst fällt die gefällige Cremigkeit und die fruchtig-herbe Reineclaude auf. Das Gericht könnte weniger süß sein. 7,5 / 10

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„Snickers no Snickers“ mit Original Beans Arhuaco 82%, Umeboshi, Salzkaramellsauce, Sesam-Eis und gepufftem Reis obenauf wird serviert.

Ja, genau das scheint es zu sein: ein Snickers sehr hoher Qualität, aber in seine (variierten) Einzelteile zerlegt. Es hallt mit viel Salz und nussigen Noten lange nach. 8 / 10

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Eine in Augustiner Hell glasierte Buchtel mit Butterstreusel, Vanillesauce und Pflaumenmus bildet den Abschluss des Mahls.

Sowas ist schon gefällig, aber auch überraschend eindimensional und fast etwas seicht, ohne größere aromatische Vielfalt trotz der Beilagen. Gutes Gefühl trotzdem inklusive. 7 / 10

Getränke

Die Weinkarte ist umfassend, mit Preisen von teuer bis fair. Auf alkoholfreie Begleitungen oder andere alkoholische Getränke wird weitgehend verzichtet - lediglich ein Basisprogramm ist vorhanden. Ausgewählte Weine sind herausragend, so der Spätburgunder Réserve 2016 von Reichsrat von Buhl, aber die Beratung kommt zu kurz. Einzelne offene Weine decken ein Spektrum ab, das ich persönlich nicht übermäßig goutiere, aber die Gänge solide begleiten dürfte.

Service

Es scheint hier eine Linearität von der Aushilfe bis zum Chef zu geben, die umgekehrt proportional zum Level an Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit verläuft (Ausnahmen bestätigen die Regel). Vordergründig sind zumindest einige Servicekräfte charmant, souverän und professionell, aber richtig sympathisch und intrinsisch motiviert kommt das nur bei einer Kellnerin rüber, welche die ganze Zeit unter Beobachtung durch einige (mittel)alte, höhergestellte Herren, v. a. Herrn Schimkowitsch selbst, zu stehen scheint. Das nimmt der Interaktion etwas von der Unbeschwertheit, die ich eigentlich als Teil des Erlebnisses gerne genossen hätte. Ferner will sich der Service augenscheinlich nicht übermäßig auf den individuellen Gast einstellen und bleibt bei Rückfragen kurz angebunden bzw. wenig tiefgründig aussagekräftig. Man hat oft das Gefühl, der Austausch mit dem Gast sei ein notwendiges Übel. Absolutes No-Go: Mehrere Male frage ich etwas und der Service läuft einfach weg. So blöd aus der Wäsche geschaut habe ich lange nicht mehr. Meine nicht ganz schlechte Bewertung für den Service ist daher zu 90% einer Person zu verdanken.

Fazit

Julien Walther, der Superstar der deutschsprachigen Fine-Dining-Kritik, war wenige Tage vor uns im Restaurant und betont - neben ähnlichen Erfahrungen im Bereich Service - die faszinierenden Produkte, die es irgendwie nach Deidesheim verschlägt. Das reduzierte, qualitativ herausragende und gleichwohl vielseitige Menü ist auch in meiner Wahrnehmung eine absolute Ausnahmeerscheinung in Deutschland.

Gleichwohl empfinde ich viele Gerichte als in ihrer Komplexität unter den Möglichkeiten bleibend, als mitunter vorschnell abklingend und nicht komplett überzeugend in der Salz- sowie Süße-Dosierung - immer im Vergleich zum vom Guide Michelin jüngst attestierten Weltklasse-Niveau. Was Schimkowitsch und sein Team hier für eine Entwicklung in Gang gesetzt haben, ist kulinarisch aller Ehren wert. Ob das auch einen dritten Stern rechtfertigt, darüber kann man indes trefflich streiten.

Kurz nach meinem Besuch sehe ich die Folge Am Pass mit Schimkowitsch. Hier tritt er als Küchenchef "alter Schule" im schlechtesten Sinne auf. Er zeigt kaum Empathie, spricht nur von sich, beschreibt Transport und Tötung von Kaisergranaten mit erschreckender Affektverflachung, tritt überheblich auf und herrscht seine Mitarbeitenden in einer Weise an, dass ich mich frage, wie das erst sein muss, wenn die Kamera nicht dabei ist. Dabei fällt auf, wie wenig sachlich und konstruktiv die dauernde Kritik am Team rüberkommt. Diese Art der persönlichen Angriffe, die darauf abzielt, andere klein zu halten, ist wie gemacht für ein Negativbeispiel in einem psychologischen Lehrbuch.

Anfangs finde ich das nur aus der Zeit gefallen, absurd und auch ein wenig lächerlich. Doch dann sehe ich plötzlich einige Verhaltensweisen des Service vor diesem Hintergrund - bei manchen wirkte es fast so, als bedienten sie in ständiger Angst. Ich würde es diesen Menschen gönnen, dass sie spätestens nach dem nächsten Zeugnis das Weite suchen - in Richtung eines Restaurants, das andere Arbeitsbedingungen hat. Und das dann vielleicht sogar noch eine bessere Küche hat.

Davon gibt es - auch in Deutschland - gar nicht mal so wenige.

Küche 8,1
Ambiente 8
Service 7,5
Getränke 8

Gesamteindruck 7.9

Was die anderen sagen

Julien Walther war vor wenigen Wochen hier und ist sehr angetan vom Essen.

Matthias Ruhl war ebenfalls kürzlich im Restaurant und vergibt 18/20 Punkten.

Und auch MacClaus hat das Restaurant kürzlich besucht und analysiert differenziert.

Hier der Link zur beschriebenen Folge Am Pass.

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