Ikoyi: Wie man Grenzen (nicht) sprengt

Ikoyi, London **
Ambiente 6,5
Service 7
Getränke 8
Essen 9,3
Gesamteindruck 8

Meine Bewertung: Eigentlich hatte ich ein afrikanisches Restaurant erwartet. Tatsächlich treffe ich auf ein durchweg kosmopolitisches, in dem man sich auf eine kulinarische Weltreise begibt. Trotzdem mangelt es irgendwie an einem Konzept. Und eigentlich ist nur eines richtig gut: Das Essen. Das aber gehört zum Besten, das ich je gekostet habe.

Die Geschichte hinter dem Restaurant

London Calling - again.

Heute steht ein Restaurant auf dem Plan, das zuletzt viele Lorbeeren eingeheimst hat, nicht zuletzt für sein innovatives Konzept und die Bereitschaft, auf Konventionen zu pfeifen.

Da es zumindest stark afrikanisch geprägt ist (sich gleichwohl nicht ausschließlich aus der afrikanischen Produktküche speist) und mit zwei Michelinsternen ein entsprechendes Alleinstellungsmerkmal aufweist, wird es gemeinhin als bestes afrikanisches Restaurant der Welt bezeichnet. Und dann doch wieder als taberna sui generis, ein Lokal, das sich keine Grenzen setzen lässt.

Jeremy Chan wurde 1987 in Hongkong geboren. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend im ständigen Wechsel zwischen Hongkong, Großbritannien und den USA. Als Teenager brachte er sich selbst sechs Sprachen bei, studierte dann in Princeton und schloss sein Studium mit einem Abschluss in Philosophie und Sprachtheorie ab. Danach zog er nach Madrid, um in der Finanzbranche zu arbeiten. Diesen Job empfand Chan als monoton. Er flüchtete sich in seiner Freizeit in die Welt der Kochbücher und arbeitete Hunderte wissenschaftlich-analytisch von vorne bis hinten durch.

Er, der sich selbst als „fast obsessive Persönlichkeit“ bezeichnet, schmiss den Finanzjob hin und zog zurück nach London, um das Kochen von der Pike auf zu erlernen. Er ergatterte Praktika bzw. erste Stationen in Weltklasserestaurants, u. a. bei Heston Blumenthal und im Noma, und startete durch. 2017 gründete er das Ikoyi zusammen mit seinem langjährigen Freund, dem nigerianisch-stämmigen Unternehmer Iré Hassan-Odukale. Der Name „Ikoyi“ geht auf ein exklusives Viertel in der nigerianischen Metropole Lagos zurück, in dem Hassan-Odukale aufwuchs. Das Konzept des Ikoyi umfasst wiederum die Kombination britischer „Mikro-Saisonalität“ mit extrem hochwertigen, lokalen Zutaten mit der komplexen Aromenwelt und den Schärfeprofilen Afrikas und der Welt.

Der unkonventionelle Stil des Ikoyi wurde von KritikerInnen und Guides rasch gewürdigt: 2018 gab es bereits den ersten Stern, 2022 den zweiten. Es wird zudem regelmäßig bei The World’s 50 Best Restaurants ausgezeichnet, zuletzt als Nummer 15. Im April wählte das US-Magazin Food & Wine das Ikoyi bei den Global Tastemakers Awards 2026 zum „Best Global Restaurant“. Das Ikoyi wurde dafür ausgezeichnet, wie es Grenzen sprengt und Gewürze als fundamentale Brücke zwischen verschiedenen Kulturen nutzt. Es ist außerdem - gemäß einer hochwissenschaftlichen Recherche des Lifestyle-Blogs Tanoshimi.eu - nach Sushi Kanesaka das zweitteuerste Restaurant des Vereinigten Königreichs.

Die Erfahrung

Das Ikoyi befindet sich im Kulturzentrum 180 The Strand. Das vom dänischen Designer David Thulstrup entworfene Interieur zeichnet sich durch einen brutalistischen Beton-Look aus, der innen durch strukturierte Kupferpaneele wie eine Laterne glüht. Das Restaurant selbst ist mit 24 Plätzen eher klein. Es wirkt wie ein schickeres Museumscafé. Mit der Musik, die so ungefähr läuft, wenn man mein Spotify-Profil immer weiterspielen lässt (Bluesrock, Afrikanisch, Talking Heads, Dylan, Alternative, bisschen Rap, melancholischer Modern Jazz [okay, ertappt, so ambitioniert bin ich nicht] usw.). Ein anderer Gedanke, der mir kommt: Warum muss das hier eigentlich so dunkel sein? Draußen strahlt schließlich die Frühsommersonne in von den London Citizens fast ungekannter Weise und hier ist es wie in einer Höhle.

Das Menü startet mit Schweinenacken (Gola) mit Knoblauch-Sardellen-Weinreduktion, eingelegtem Gemüse, Kräutern und einer Infusion aus karamellisierten Hähnchenflügeln und Pfefferöl. Das großartige, reichhaltige Schwein wird eingerahmt von einer hochsteigenden Pfeffernote, welche den langen und komplexen Charakter des Gerichts früh klarstellt. In den Unternoten ist das ölig und knoblauchreich, trotzdem aber auch elegant und belebend. Die Würze legt sich traumhaft schön auf den ganzen Gaumen und will noch eine ganze Weile da bleiben (9). Es folgt vier Monate gereiftes Weiderind als Tatar, mit wilden Pilzen, zart geräucherter Knollensellerie, gesalzener Zitrusfrucht, Chili, grünem Shiso, Sauerkleeblättern (Oxalis) und Borretschblüten in einer Tartelette. Ein brillant gewürztes und geräuchertes Gedicht; die Noten stehen lange und verändern sich noch über Minuten. Unglaublich komplex. Locker eines der beeindruckendsten “Rauchgerichte” ever (10). Nun kommt Cornish-Seebrasse mit Spargel, Flamingo-Erbsen-Pudding (Quinome), Granatapfel und einer Brühe von der Scotch-Bonnet-Chili. Das ist sehr eigen durch die radikale Frische des Gemüses und die Süße, die mitschwingt. Dazu eine sich prächtig aufbauende Würze (8,5). Der nächste Gang ist ein Perlhuhn-Dumpling mit Suya-Gewürz, Alge und Erdbeeressenz drunter. Das stoffige Sesambällchen ist herzerwärmend, bodenständig und exotisch zugleich. Es besticht mit reicher Teigigkeit, die mit grasigen Noten harmoniert. Dazu eine tolle bitter-säuerliche und sehr aromatische, fruchtige Erdbeeressenz. Perfektion pur (10).

Als nächstes kommen Stücke von der pochierten Schwertmuschel mit Kaviar in einer Art Safran-Eierstich mit Speck, Rote-Bete-Reduktion und Safranöl. Hier geht man eher in den Norden Europas, mit tollen Zutaten und einer edlen Fischigkeit sowie guten Länge, aber es ist etwas weniger vielseitig und überraschend als die Gerichte zuvor (8). Nun erscheint Steinbutt im Tempurateig mit Chili-Glasur, Rinderblatt (Beefsteak-Pflanze), Samtkrabben-Salat, Fingerzitrone (Finger Lime), Kumquat, Aprikosen-Curd und Blumenkohl-Sauce. An eine feinere Frittierung kann ich mich nicht erinnern. Knoblauch schmeckt man deutlich raus und es wird stimmig mit Temperaturen gespielt. Eigentlich ist das eine Art fish and chips, nur halt im absoluten Weltklassebereich. Die Qualitäten sind atemberaubend, ein einzelnes Blatt (!) macht mich sentimental, die Kumquat wirkt als traumhafte Ergänzung (10).

Kurzer Zwischenstand: Das Ambiente ist so lala und so richtig warm wird der Service nicht mit mir (und vice versa), aber was bisher auf dem Teller war, gehört zum Besten, das ich je gegessen habe. Die Spannung steigt noch weiter.

Der nächste Gang ist gegrilltes Bries vom Hals mit Milch-Karamell-Kruste, Pfeffer-Bratensauce, eingelegten Zwiebeln, weißem Spargel, Spinat, Bärlauch, Wildkräutern und Käse-Maisgrieß. Nehmen wir mal einen Bissen. Alles wird rauchig, scharf, vor meinem inneren Auge wird es schummrig, dann sehe ich plötzlich graue Bärte, die von riesigen Eichenbäumen herabhängen und auf der anderen Seite endlose Felder, auf denen Baumwolle, Tabak und Zuckerrohr wachsen. Will ich näher hinschauen, verschwimmt das Bild und es tauchen Bougainvilleen auf, dahinter eine Veranda einer herrschaftlichen Villa mit riesigen Säulen, auf der ein Mann im Schaukelstuhl sitzt, Eistee trinkt und mir den warmen Abend genießend zunickt. Und dann noch mal den Blick nach hinten, denn dort spielt jemand Banjo oder Gitarre oder... Dann flasht der Pfeffer, ich bin wieder im Hier und Jetzt und nehme noch den hocharomatischen Spinat wahr. Wow, was für ein Ritt - ein Südstaatenpfefferhammer, der begeistert (10).

Es folgt eine Rote Meeräsche vom Holzkohlegrill mit Rösttomate, Dulse-Rotalge, Rote-Bete-Emulsion, Sauce Béarnaise und Pfefferkörnern. Dazu Kabu-Rettich mit Sake-Reduktion und Hefe. Und noch eine Brioche mit Ahornsirup-Butter, gerösteter Alge und Chilipulver. Der Fisch ist außen gegrillt, innen fast roh, was ein interessanter und stimmiger Ansatz ist. Ansonsten sind hier intensive Rettich-Rauchnoten und intensive Tomate auszumachen, plus - wen überrascht’s - eine sehr gute Schärfe. Die Brioche ist luftig, tiefgründig, himmlisch (8,5). Und nun bekommen wir Schweinekotelett mit Bärlauch-Sate, einem Wasabi-Blatt und Schwertmuschelschaum. Dazu geräucherter Jollof-Reis mit Hummer-Eierstich und Tintenfisch. Hier sind endlich mal explizit afrikanische Noten mit wieder einnehmender Schärfe. Der Reis unterscheidet sich vom Akoko v. a. durch seine sensationelle Rauchnote bei orchestralischer Grandezza. Das ist unter den besten Schwein-Gerichten meines Lebens (9).

Ich bestelle Reis nach. "We usually don't do it but Chef said okay." Gönnerhaft betrachtet zeugt das von einer lobenswerten Flexibilität, aber andere machen es gleich ohne Diskussion. Das muss bei einem Menü für hunderte von Euro möglich sein.

Als Predessert folgt ein Limequat-Sorbet mit Passionsfrucht-Glasur, Buttermilch-Vanillecreme, Timur-Pfeffer, Walderdbeeren aus Málaga und Marigold-Blättern. Limequat ist, darauf kann man kommen, die - gigantische - Verbindung aus Limette und Kumquat. Hier sind darüber hinaus alle weiteren Zutaten voll präsent, mit totaler Frische und brillant integrierter Milchnote. Dazu die vermutlich besten (Wald-)Erdbeeren meines Lebens. Insgesamt locker unter den allerbesten Predesserts (10). Ein erster Nachtisch kommt mit Curryblatt-Blüten-Zuckereis, Kaffee-Karamell, karamellisiertem Apfelkuchen und einem Mousse mit Zimtbeere und Johannisbeerpulver. Auch das ist in seiner Vielfalt, Unvorhersehbarkeit und Exotik viel besser als die meisten anderen Desserts, die man erhält - auch die in Dreisternerestaurants (9). Dann werden Petits Fours gebracht: Schoko-Whisky - hierin finden sich viele Nusssplitter und hintergründiger Whisky, bei leichter Schärfe und sehr hohem Genusswert (8,5). Und Apfel-Zitrone - irgendwie riecht (und schmeckt) das wie die Seife meiner Oma, aber wahrlich irre, wie das aufgebaut wurde. Diese Konsistenz. Man beisst in einen frischen, knackigen Apfel. Eine nobel parfümierte Zitrusnote wirft alles um. Ewig. Irre (10). Dann kommt noch etwas mit japanischen Zutaten, das ich beim aufmerksamsten Zuhören und nervigsten Nachfragen nicht verstehe bzw. verbal rekonstruieren kann. Ein Baisser ist jedenfalls dabei, mit einem halben Dutzend mitspielender Geschmacksnoten, die von Frankreich über den Orient nach Ostasien entführen. Total beeindruckend (9).

Die Getränkekarte ist überschaubar, mit vielen Standardregionen, allerdings einer fürs europäische Ausland guten Auswahl aus Österreich und Deutschland. Die Preise für Cocktails sind auffallend hoch, für Flaschen Wein eher normal. Die Beratung ist derweil solide und einzelne Gläser (Sake) sind herausragend, aber die Punkte, die ich machen (und auf deren Basis ich individuelle Beratung) will, stoßen nicht auf echtes Verständnis bzw. Resonanz. Trotzdem empfiehlt der Sommelier exzellente Weine (aus dem Standardprogramm).

Der Service ist aufmerksam und professionell; sehr viele unterschiedliche Personen kommen und gehen. Es wird meist das Programm abgespult, aber bei Nachfragen reagieren alle prompt und hilfsbereit. Indessen werden einige Gänge unmittelbar hintereinander gebracht, manchmal wartet man sehr lange - der Ablauf ist definitiv verbesserungswürdig. Der Chef steht stets omnipräsent am Pass, schaut in den Raum, spricht aber nicht (mit den Gästen). Da hatte ich schon sympathischere Begegnungen.

Nach etwas mehr als drei Stunden ist es dann vorbei.
Zack, sind weit über 700 Euro weg (für eine Person und ohne einen dionysischen Abend gehabt zu haben).
Bemerkenswert, wie teuer das ist.
Bemerkenswert, wie flüchtig Ambiente und Service sind.
Und bemerkenswert, wie wahnsinnig gut das Essen ist.

Ich glaube nicht, dass ich in den letzten Stunden in einem afrikanischen Restaurant war. Noch nicht mal in einem afrikanischen Fusion-Restaurant. Wo ich stattdessen war, darüber denke ich mehrere Tage lang nach.

Einige KritikerInnen fordern bei Sternerestaurants eine Art Konzept ein. Damit ist weniger das Drumherum gemeint, als die programmatische Stimmigkeit und Idee des Menüs bzw. die systematische Verbindung der Gangfolge. Das kann über die Abfolge der Produkte geschehen, über eine organische Dramaturgie, eine ausdrucksstarke Agogik. Viele versehen das Menü auch mit einem regionalen, kulturellen, handwerklichen oder gar weltanschaulichen Label.

In Extremform wäre das eine samisch-archaische Feuerküche in einer Erdhütte, über die für den Klimawandel in der Arktis sensibilisiert werden soll. Am Ende könnte man dem Gast eine Rentierpfote als nachhaltigen Spreissel fürs Gewissen mitgeben, der die 500 Euro für das Menü als moralischen Ablass betrachten, sich ins Flugzeug setzen, ein paar Avocados auf dem Nachhauseweg mitnehmen und die Heizung in Gedanken an die kalte Arktis ordentlich aufdrehen kann. Auf eine ähnliche und dann auch wieder ganz andere Art kann man bspw. dem Alchemist ein ausdrucksstarkes holistisches Konzept zuschreiben - aber auch zahlreichen deutlich weniger spektakulären Lokalen, welche ihre Gänge planvoll in Szene setzen.

Eigentlich ordne ich mich diesem Lager eher nicht zu, wenngleich mich interessante Mottos reizen. Es darf aber auch einfach gut sein, ohne dass ich eine wissenschaftliche Ausführung über die Gründe erhalte, warum nach der Jakobsmuschel ein Rindertatar serviert wird. Hier ist das Fehlen eines Konzepts aber derart frappierend, dass es schon Befassung erfordert. Oder ist das alles irgendwie belanglos? Wenn man offensichtlich großen Wert auf die Gänge selbst legt (und darüber hinaus ein solches analytisches brain ist wie Jeremy Chan), ist dann die alles überlagernde Aussage "ich ordne mich einfach keinem Muster unter und bin wirklich frei" programmatisch-politisierte Anarchie (eine Art Konzept) oder eher laxe Planlosigkeit bei jemandem, der ausgesprochen gut kochen kann? Wenn das Essen nicht so gut wäre, würde ich mir die Frage gar nicht stellen. So aber stelle ich mir sogar die Folgefrage: War es wirklich sooo eindrucksvoll?

Zumal der massenhafte Knoblauch in der folgenden Nacht - zugegebenermaßen in Kombination mit der Hitze, mit welcher einer der heißesten Tage in London seit Jahren zu Ende geht - für wenig Schlaf und übermäßigen Durst sorgt. Das lasse ich zwar nicht in die Wertung einfließen, will aber an dieser Stelle schon sagen, dass es Tim Raue, Eric Vildgaard und Clemens Rambichler durchaus gelingt, ein Feuerwerk der Aromen, Schärfe und Länge abzubrennen, ohne Mithras und seinen Truppen den Krieg zu erklären.

Die Antwort auf die eben gestellte Frage: Mit Blick auf ein echt kosmopolitisches, in alle Richtungen offenes und dabei himmlisch schmeckendes Mahl sind wir hier ganz nah am absoluten Maximum. Und in anderer Hinsicht weit davon entfernt. In solchen Momenten fühle ich mich im Ansatz bestätigt, nicht nur auf das unmittelbare Erlebnis am Gaumen zu achten. Denn ich hatte schon schönere Abende.

Meine Geschmacksnerven sehen das anders.

Ambiente 6,5
Service 7
Getränke 8
Essen 9,3

Gesamteindruck 8

Was die anderen sagen

Matthias Ruhl bewertet die kulinarische Erfahrung als - angesichts der vielen Eindrücke, Gewürze und Geschmacksrichtungen - überwältigend und vergibt 17/20 Punkten.

Eatingreallywell ist sehr angetan.

Andy Hayler stellt die Andersartigkeit heraus.

Kevin berichtet ausführlich.

Travelandretreat berichtet differenziert.

TheInfatuation ist begeistert.

Und auch AlexanderTheGuest war schon da.

Wenn Dir das gefallen hat

dann schau Dir andere Restaurants an, die Dich auf Weltreise mitnehmen.

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Akoko: Dafa saf