Da Vittorio: Grandezza mit Tomatensoße

Meine Bewertung: Mittagessen in einem der renommiertesten Restaurants der Welt und gleichzeitig an einem meiner absoluten Sehnsuchtsziele. Eine beeindruckende Lokalität im Familienbetrieb mit großen Weinen und Aperitifs. Und einem Menü, das im Verlauf unerwartete Schwächen offenbart.

Da Vittorio, Brusaporto ***
🍽️Küche 8,2/10
✨Ambiente 9/10
🤵Service 8,5/10
🍷Getränke 8,5/10
⭐Gesamteindruck
8,5/10
GROSSARTIG
Erfüllungsaufwand
💶Menüpreis (ca.) 440 €
📅Buchung Monate vorher im direkten Austausch
 

Die Geschichte hinter dem Restaurant

Hätte mir jemand vor 20 Jahren gesagt, dass ich mal unter der Woche für nur ein Mittagessen nach Italien jetten würde - ich hätte das wahrscheinlich ...
... für durchaus gut möglich gehalten.

Es ist aber schon ein ungewöhnliches Unterfangen, das einen dekadenten Vibe versprüht. Die Sprühpartikel verlieren sich indes schnell im frühherbstlichen Schönefeld: Bei Billigfliegerdrängelei und Angst vor Bordverbot angesichts der Unlesbarkeit des Boarding Pass auf meinem Spiderweb-Display (nicht lachen - ich habe schon ganz andere Stories beim Boarding erlebt) setzt das Gefühl zuverlässig wieder aus.

Als wir dann abheben, setzt ein anderes Gefühl ein: das Gefühl überwältigender Vorfreude - auf eines der großen Restaurants Europas und auch der ganzen Welt. Auf ein Refugium der Gastfreundschaft und großen Familiarität, mit einem der großen Weinkeller des Landes und einem umliegenden Parkgelände, in das man sich problemlos die flanierenden Medici reindenken kann.

Der Flieger landet leicht verspätet, aber im Rahmen meiner Toleranz. Mit dem Taxi sind es 15 Minuten bis zu einem großen Tor mit kleinem Klingelknopf.

Da Vittorio.
Brusaporto bei Bergamo.
Lombardei.
Republik Italien.

Wie jede erfolgreiche Kommunikatorin oder Psychologin weiß, sollte man Superlative sehr dosiert verwenden und definitiv nicht für eine Inflation sorgen. Und ich weiß, dass ich angesichts meines entsprechenden Faibles gefährdet bin.

Hier muss es aber sein. Denn das Da Vittorio ist wirklich eines meiner drei absoluten Sehnsuchtsziele weltweit - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Alles an dieser Herberge (das angeschlossene Hotel steht dem Restaurant augenscheinlich kaum nach) versprüht eine Form italienischer Grandezza, nach der sich jede/r Deutsche (meines Alters) doch, hands down, mit jedem Wimpernschlag sehnt.

Dazu die Referenzen des Lokals: Bestes Restaurant der Welt gemäß der renommierten und methodisch halbwegs haltbaren La Liste (zusammen mit wenigen anderen); fast nur galaktische Bewertungen und Punkte in den einschlägigen Blogs und Foren. Ich glaube, ich muss niemanden einweihen, wie viele Sterne der Guide Michelin vergibt. Aber vor allem habe ich als pathologischer Statistik- und Listenfreak jahrelang eigene Best-ofs erstellt. Ratet mal, welches Restaurant (in Unkenntnis) auf Platz 1 landet.

Vittorio Cerea und seine Frau eröffneten das Da Vittorio 1966 im Stadtzentrum von Bergamo. Zu dieser Zeit war die Region Bergamo kulinarisch stark von Fleischgerichten geprägt. Vittorio ging ein Wagnis ein: Er setzte konsequent auf frischen Meeresfisch und Meeresfrüchte, holte die Ware selbst fangfrisch vom Markt. Zu Beginn war dies hier so ungewöhnlich, dass manche Gäste die Scampi mangels Wissen mitsamt Schale verspeisten. In der Folge revolutionierte das Konzept die lokale Gastronomie und brachte - langsam aber stetig - auch Auszeichnungserfolge: 1978 wurde Cerea mit einem Michelin-Stern bewertet; 1996 folgte der zweite.

Nach fast vier Jahrzehnten in der Stadt zog die Familie in eine elegante Villa inmitten eines weitläufigen, grünen Parks in den Hügeln der Cantalupa in Brusaporto. Im selben Jahr verstarb Vittorio, wobei klar war, dass seine Familie das Erbe nahtlos weiterführen würde. 2010 wurde das Da Vittorio dann mit dem dritten Stern ausgezeichnet, den es seither ununterbrochen hält. Aus dem einstigen kleinen Fischlokal ist ein weltweites Gastronomie-Imperium mit Dependancen u. a. in St. Moritz und Shanghai geworden.

Die operative Führung des Stammlokals liegt in den Händen der Matriarchin Cerea und der fünf Geschwister: Mamma Bruna ist als Mitbegründerin das emotionale und organisatorische Herz. Enrico und Roberto, die beiden ältesten Brüder, leiten gemeinsam die Küche. Francesco ist verantwortlich für den Weinkeller mit über 30.000 Flaschen und das hochkarätige externe Catering sowie die PR des Hauses. Rossella leitet als General Manager das angeschlossene Hotel und koordiniert den Service im Restaurant. Barbara wiederum koordiniert das Backoffice, die administrativen Prozesse sowie die wohltätigen Aktivitäten der Gruppe und betreibt mit ihrem Mann ein Café in Bergamo. Die kulinarische Doppelspitze, die Brüder Enrico (Chicco) und Roberto (Bobo), wird derweil von Paolo, Rossellas Ehemann unterstützt. Wenn ich mal Zeit finde, reiche ich ein Wimmelbild und Testfragen zu den dynastischen Verzweigungen nach.

Vor allem der älteste Sohn Enrico wuchs sprichwörtlich „zwischen den Töpfen“ seines Vaters auf. Er verfeinerte sein Handwerk weltweit bei gastronomischen Legenden – darunter Heinz Winkler oder die Macher des El Bulli. Die Brüder verbinden die klassisch-mediterrane und lombardische Tradition mit modernen Techniken. Der Fokus liegt unverändert auf qualitativ brillantem Fisch und Meeresfrüchten, die heute teilweise aus einer hauseigenen vertikalen Hydrokultur-Farm stammen.

Und - achso: Wenn man sich mit dem Da Vittorio befasst, kommt man schon im Vorfeld nicht am legendären Signature Dish vorbei: „I Paccheri alla Vittorio“ - einfach gesagt Nudeln mit Tomatensoße, die jede/r mit Lätzchen essen muss. Sonst gibt's mutmaßlich Ärger von Mamma.

Seit langem war ich nicht mehr so (vor)freudig erregt - wie wenn man ein großes Idol endlich treffen darf.
Ich klingele. Warte ein paar Sekunden. Und plötzlich öffnet sich ganz langsam das Tor.

Die Erfahrung

Ambiente

Ich trete ein. Zur Rechten liegt ein künstlich angelegter Teich mit Sitzgelegenheiten. Da ich ein paar Minuten zu früh bin, setze ich mich an den Teich - und werde von besonders angriffslustigen Mücken sogleich weitergetrieben.

Nach oben, zum herrschaftlichen Anwesen, das über allem zu thronen scheint.

Sowohl die Terrasse als auch die Innenräume sind vornehm und großzügig. Man sieht vom Speisesaal in die Küche, obwohl eine Wand dazwischen ist. So erkennt man die Brüder umherschwirren und allerlei andere Entwicklungen.

Würde man billigste Italien-Klischees beim Publikum eines Restaurants bemühen wollen, lieferte dieser Ort eine herrlich plastische Inspiration: ein Kaleidoskop aus asiatischen TouristInnen, kinderreichen Großfamilien, eleganten Damen mit Vorliebe für Ästhetische Chirurgie, dem einen oder anderen besonders schlecht gelaunten wohlhabenden deutschen RentnerInnenpaar und den (optischen) Klein- bis Großmafiosi mit Lolo-Ferrari-Doubles aller Altersklassen.

Hier würde ich mich, lebensfroh wie ich bin, mit niemandem anlegen. Außer vielleicht mit den missmutigen Deutschen von nebenan, aber die Unsexyness des Szenarios, mit einem Gartenzwerg erschlagen am Rande eines lombardischen Parks aufgefunden zu werden, lässt mich - in Kombination mit dem gastfreundlichen Ambiente - meine unbändige Provokationslust unterdrücken.

Es gibt schließlich Reizvolles zu bezeugen: den Beginn des Menüs.

Das Menü

Drei Appetizer werden zum Aperitif auf der Terrasse einfach hingestellt (und nicht beschrieben):

Ein sehr schlicht anmutender French Toast mit Mayonnaise - mit präzisen Röstnoten, Tiefe und Länge. 8 / 10

Daneben eine Tartelette mit Ricottaschaum, Tomate, Olivenöl und Pesto. Das kann man - etwas ungelenk - als wahre Essenz dieser uritalienischen Zutaten in wahrhaft göttlich beschreiben. 10 / 10

Und dann steht da in einem solchen Restaurant ein Mini-Burger mit Hackfleisch vor einem. Auch das ist wieder die Essenz von Bun und Patty, und auch wirklich nur das, aber in ungekannt ultra-aromatisch. 9 / 10

Irre, wie simpel und gleichzeitig gut diese Starter sind. Seltsam und ungewohnt, dass nichts dazu gesagt wird. Trotzdem: Auftakt gelungen.

Wir verlegen ins Restaurant und erhalten zunächst ein Signature Dish von Vittorio: Ei auf Ei (Uovo all’uovo). In einem Martiniglas ist die nachfolgende Schichtung drapiert: gedünsteter Apfel als Basis, ein Hühner-Rührei, ein Wachtelei, etwas Sauerrahm, Kartoffel-Mousseline und Kaviar. Zu essen "bottom to top".

Trotz des instabilen Glases, das die Aufgabe verkompliziert, und der etwas zu lauen Temperatur überwältigt das Geschmackserlebnis direkt. Die Kartoffelnote und der brillante Kaviar stechen besonders hervor in diesem Traum aus Samt. Eigentlich ist das auch perfekt und wäre mein Maximum, hätte man es etwas höher temperiert serviert. 9 / 10

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Es folgen kandierte Tomaten in Bruschettabrühe und dazu eine Art Bruschetta in modo insolito - Toast mit Erdbeeren.

Die Tomaten selbst finde ich geschmacklich gar nicht so beeindruckend, aber die kalte Brühe mit Kräuternoten ist es in ihrer differenzierten Würze durchaus. Dazu überzeugt der erstaunlich passende, an der Basis etwas zu kühle Erdbeertoast. Wirklich etwas sehr besonderes. 8,5 / 10

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Ein Wolfsbarsch-Carpaccio an Karottensauce sowie Salat mit gegrilltem Apfel und Granita ist der nächste Gang.

Hier würde ein Messer nicht schaden. Aber egal: Was für ein faszinierender Einsatz der leicht scharfen Karotte, welche die eigentliche Attraktion im Vergleich zum tadellosen, aber ungewürzten Wolfsbarsch ist. Würze, Süße und Schärfe der Karotte machen den Gang faszinierend. 8,5 / 10

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Dann kommt Brot bzw. Grissini - geschmacklich wie beim einfachen Italiener ums Eck. 6 / 10

Es folgt eine Auberginen-Panella (traditioneller sizilianischer Fladen aus Kichererbsenmehl) mit roter Paprika und Basilikum.

Das Gericht weist einen Grundgeschmack auf, der an die aromatischen Welten Indiens erinnert. Die Aubergine ist für mich noch leicht zu roh, aber die wohlschmeckende Komplexität im Mund zeigt sich früh - und die Substanz dieses ausgezeichneten Essens kommt erst über die Länge. 8,5 / 10

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Es folgt präzise gegarter Thunfisch mit einer XO-Tomatensauce und Kräutern, plus ein paar Salatblätter (wieder ohne Messer).

Die Produkte sind von bestechender Qualität, aber es fehlt das “Wow” oder die Zutat X. Dadurch wenig Komplexität und Spannung - und trotzdem sehr gut. 8 / 10

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Der nächste Gang ist Hummer auf unterschiedlicher Art und Weise: einmal die gefüllten Scheren mit Zwiebeln, Parmesan und einem Zitronengel. Dann würzig mariniert und gegrillt. Und ein Teller mit gemischtem Gemüse.

Die Scheren liefern schönen Schmelz. Das gegrillte Stück Hummer gehört mit seinen prägnanten Rauch-Grill-Aromen zum Besten, was ich an Meeresfrucht je gegessen habe. Und das eiskalte Gemüse mit Primärnoten von Fenchel, Frucht und Tomate weist wieder einen exotischen, aber auch klassisch italienischen Einschlag auf. Sehr sehr stark. 9 / 10

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In einer weiteren Runde unter dem Motto “italienische Klassiker in fein” wird nun ein Risotto serviert - mit Königskrabbe und Feigen.

Da schmeckt alles total brillant. Die Krabbe hochfein, die leichte Feigensüße perfekt eingewoben. Der Gaumen wird auch noch lange mit dem Nachhall belohnt. Einziges Manko: etwas zu kühl. 9 / 10

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Als herzhafter (und reichhaltiger) Zwischensnack kommt nun Frittata - eine Art Eieromelette mit Pasta, Salami, Mozzarella, Tomaten und Kürbisblüten.

Endlich mal ein richtig heißes Gericht! Darüber hinaus ist das eine stimmige Kombination, die schon sehr an - ziemlich gutes - Fast Food erinnert. 7,5 / 10

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Serviert wird als Hauptspeise Taube mit Pasten aus Tomaten und Oliven.

Das Fleisch wirkt roh - ist es zwar (angeblich) nicht, was die Zubereitung betrifft, aber doch, was Konsistenz, Geschmack und psychologische Wirkung anbelangt. Gut schmeckt das auch nicht. Ein Kellner erkennt meinen Gesichtsausdruck und bietet an, den Gang auszutauschen, worauf ich gerne eingehe. Der Kellner, der mir das Angebot gemacht hat, dürfte später ernste Probleme bekommen, denn wir sind zeitlich schon extrem in Verzug.

Ein paar Minuten später erhalte ich ein Stück Kalb mit Kartoffelschaum.

Das Fleisch ist zart, keine Frage, aber mehr als gehobenes Wirtshausniveau kann ich hier beim besten Willen nicht feststellen. Klar, mein Ekel kam für das Team überraschend und die Flexibilität finde ich klasse, aber das Ergebnis ist eines Dreisternerestaurants nicht würdig. 6,5 / 10

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Dann beginnt das Schauspiel: Paccheri alla Vittorio werden mit San-Marzano-, Ochsenherz- und Datterini-Tomaten, Olivenöl, Knoblauch, Butter, frisch geriebenem Parmigiano Reggiano und Basilikum am Tisch final zubereitet. Die wohl berühmtesten Nudeln mit Tomatensoße. Nur echt mit Lätzchen. “Chili?” “Macht es einfach so, dass es optimal wird.” Also Chili!

Auf Messer wird erneut verzichtet, was das Verspeisen der zwei Röhren insofern schwierig macht, als nur die Wahl zwischen am Stück essen (ungern bei nur zwei kostbaren Exemplaren) oder mit Löffel zerteilen bleibt (warum dann nicht einfach ein Messer?).

Der erste Löffel: underwhelming. Intensive, sehr stimmige Samtigkeit definitiv, wobei ich mir mehr nuancierte Tomate gewünscht hätte - zumal es ja mehrere Sorten sind. Optimal gekochte Pasta, geschenkt. Gute Haftung der Sauce. Aber Chili verbannt andere Nuancen in den Hintergrund. Und vor allem: Nach dem ganzen Prozedere ist das Gericht lauwarm. Das reicht für ein genussreiches Aufsaugen der gesamten Sauce mit Brot, bleibt aber insgesamt im Vergleich zur Erwartungshaltung unspektakulär. Und ist bestimmt nicht die beste Pasta Italiens. 7,5 / 10

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Auf den Käsewagen stiere ich schon, seit wir den Raum betreten haben. Ich male mir aus, dass wir es hier mit den besten Produkten Italiens zu tun haben, mit Laiben, die es sonst nirgendwo in dieser Konstellation gibt.

Die Auswahl ist schwierig - wie immer in einem solchen Fall - und mir wird je ein Stück vom Schaf, der Ziege und der Kuh nahegelegt.

Zwei der drei Stücke empfinde ich als hochwertig, aber nicht finessenreich genug, um zu begeistern. Der Schafpecorino ist herausragend. Ob ich wohl andere Schätze verpasst habe? 8 / 10

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Jede Ärztin würde nun diktatorisch bestimmen, es für heute (und die kommenden Tage) gut sein zu lassen mit dem Essen, aber ich ich läute mit dem Predessert Aprikoseneis - Origanopaste - Zitronengras - getrocknete Zitrusfrüchte die nächste Etappe ein.

Wow, das ist mal eine freudige Überraschung! Die Produkte gehen exzellent zusammen und die Texturen des Gerichts sind optimal konstruiert. Der asiatisch-italienische Doppelklang öffnet bei jedem Bissen neue Geschmackswelten. Ein ziemlich perfektes Predessert. 9 / 10

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Auf das Dessert habe ich mich spätestens seit dem freundschaftlichen Hinweis auf die Exzellenz der Back- und Patisseriekunst der Familie Cerea angesichts einer Verkostung in ihrem Café in Rom gefreut. Würde es ein großartiger Kuchen sein? Eine Geschmacksexplosion aus Früchten? Ein karibischer Traum? Ein Klassiker italienischer oder gar französischer Provenienz? Tatsächlich kommen kalte, grob geschredderte Brombeeren mit Pilzeis. Mir scheint, als sei das nicht alles, aber die anderen Zutaten werden weder erwähnt (man will uns jetzt dringlich raushaben und spart an jedem Wort), noch schmecke ich sie explizit raus.

Das Eis ist originell, zumal der Spagat mit dem erdig-umamigen Pilzgeschmack aufgeht, aber ansonsten langweilt das Gericht und verliert sich in einer fruchtigen, gehobenen Mittelmäßigkeit. Das könnte hier definitiv besser gehen. Insgesamt eine Enttäuschung an überraschender Stelle. 7,5 / 10

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Der Abschluss soll das Schlaraffenland nachbilden bzw. uns als Kinder in einen Süßigkeitenladen entführen. Während sich die anwesenden echten Kinder am hiesigen Setting schon seit den Vorspeisen ergötzen, habe ich mit einem Völlegefühl zu kämpfen, das ich so lange nicht mehr (falls überhaupt schon mal) empfunden habe. Non importa - colpa mia. Und rein ins Sortiment. Vor meinem Auge und an meinem Gaumen verschwimmen Bonbons mit Grappa und Rum, Kokosgebäck, Kuchen, Pralinen und mehr. Das ist in Teilen herausragend, in Teilen weniger. 8,5 / 10

Getränke

Eine riesige Schaumweinauswahl leitet die beeindruckende Karte ein. Fast nur Italien und Frankreich, aber diesbezüglich überragende Weine bekannter und mittelbekannter Güter. Viel glasweise; die Preise sind insgesamt relativ hoch.

Die Beratung ist professionell, aber in der Substanz etwas enttäuschend - man hat den Eindruck, sie wollen gern die teureren Weine an Mann und Frau bringen.

Am Ende werden es bei mir - auch dank der Beratung - ein ganz großer Negroni, ein gigantischer Franciacorta und ein paar Klassiker, darunter ein Glas Ornellaia mit der erwartbaren Dichte und Länge. Dass ich einmal bitten muss, nachzuschenken, weil es tatsächlich nicht der Portion entspricht, ist ärgerlich. Die Reaktion aber sehr professionell. Und: Augustiner Edelstoff darf hier auch nicht fehlen.

Service

Die Familie ist erwartungsgemäß sehr präsent: Die Brüder aus der Küche kommen häufiger vorbei; die Mamma auch einmal und will wissen, ob alles okay ist. Die jungen KellnerInnen sind hingegen zwar professionell, aber unerfahren, manchmal sogar in ärgerlicher Weise zu beflissen: Sie wollen immer gleich abräumen und lauern, während man noch ist; zudem verstehen sie einige Wünsche nicht und sind für einen kurzen Plausch nicht zu haben.

Auch sind wir zwar mitschuldig, dass am Ende unser Tisch die Reinigung und Vorbereitung auf den Abend aufhält, aber die sehr langsame Abfolge zu Beginn hat die Küche bzw. das Team zu verantworten. Am Ende wird es etwas ungemütlich und Pausen gibt es kaum mehr.

Irgendwo ist das aber auch verständlich, da sie einen Plan erfüllen müssen und sich nicht in der Position befinden, großmütig über Verlängerungen des Erlebnisses zu befinden. Auch funktioniert der Austausch meines Hauptgangs problemlos und das wäre bei jedem anderen Gang genauso abgelaufen.

Long story short: Das Familiäre ist hier schon auch das charakteristische Geschäftsmodell eines großen, gut geölten Unternehmens. Aber wer sagt, dass es sich nicht trotzdem schön anfühlen darf?

Fazit

Teile des Menüs fallen in die internationale Spitzenklasse, aber bei weitem nicht alles. Und die Desserts dürfen in einem solchen Restaurant nicht so uninspiriert sein - das ist ein echtes Defizit (erst Recht vor dem Hintergrund, dass die unternehmenseigenen Cafés in Bergamo, Mailand und Rom tolle Kollektionen haben). Also bleibt, was das Essen betrifft, eine qualitativ erstaunlich inkonsistente Abfolge zu konstatieren. Ganz oben spielt man so nicht mit.

Das Drumherum gehört hingegen zu den großen Erfahrungen Europas, aber auch hier sind Kratzer feststellbar, die Orte wie das Waldhotel Sonnora oder das Épicure nicht aufweisen.

Auf Basis dieser Erfahrung bin ich geneigt, dem gern geäußerten Klischee Plausibilität zu verleihen, dass Italien nicht das Land für gebündelte gastronomische Exzellenz ist. Selbst einmalige Italien-Besuchende dürften sich noch Jahre später an wundervolle charakteristische Gerichte erinnern - vornehmlich in der kleinen Trattoria in der Altstadt, dem Landgasthof oder dem Fischlokal am Hafen. Ein bis zwei Stufen darüber gibt es in diesem Land in zig Dutzenden von gehobenen Restaurants bestimmte Signature Dishes, die einen regelrecht umhauen - sei es ein in einem guten Barolo geschmortes Kalbsbäcken im Piemont, eine im eigenen Saft gegarte Oktopus-Praline an einem Schaum aus noblen Cannellini-Bohnen und wildem Fenchel an der Amalfi-Küste oder Tagliatelle mit frisch gehobeltem weißem Trüffel in Montefalco.

Das Land der brillanten Hausmanns-(-Frau-)Küche liefert unterhalb der drei Sterne auf so breiter Basis ab, dass ein Exzellenz rundum abdecken wollendes Restaurant wie das Da Vittorio nur verlieren kann - zumindest wenn man eine Erwartungshaltung wie meine zugrunde legt. Bei aller Neurose meinerseits mit Blick auf die Bündelung von Superlativen, die auch dem Wunsch nach pragmatischer Erfassung, FOMO-Verringerung und den realistischen zeitlichen und monetären Kapazitäten geschuldet ist - Italien erschließt man ganz augenscheinlich anders.

Das ist auch eine wichtige Erkenntnis (oder eher: Gewissheit). Wenn die Longevity-Forschung den Quantensprung macht und der Prinz aus Nigeria endlich sein Vermögen bei mir abliefert, dann widme ich ein ganzes Kapitel meiner kulinarischen Reise der Breite italienischer Produktexzellenz, handwerklicher Perfektion und lukullischer Individualität. Um immer wieder von einer Pasta oder irgendeiner anderen Speise im Hinterhof von Reggio Emilia oder Mazara del Vallo in Trance versetzt zu werden.

Bis dahin behalte ich Brusaporto als bereicherndes Kapitel meiner realistischen kulinarischen Reise in Erinnerung. Wenn ich noch immer Tage vor einem Mittagessen nervös auf dem Bürostuhl hin und her rutsche, die Weinoptionen achtfach prüfe und mit einem Kribbeln im Körper mein Flugticket an den Scanner halte, um meinen Geschmacksrezeptoren und meiner Seele ein Abenteuer zu bescheren, dann ist das aller Wahrscheinlichkeit nach ein gutes Zeichen.

Küche 8,2
Ambiente 9
Service 8,5
Getränke 8,5

Gesamteindruck 8,5

Was die anderen sagen

Andy Hayler vergibt 20/20.

Matthias Ruhl hat keinen Bericht zum Restaurant, vergibt aber 20/20 und schreibt an anderer Stelle über seine denkwürdige Erfahrung: “Wir waren dort am letzten Abend vor der Sommerpause, und alle Mitarbeiter waren sichtlich gut gelaunt und relaxed, was ansteckend wirkte. Sogar der Hund eines Mitarbeiters lief kreuz und quer durch das Restaurant. Und das Essen war natürlich auch fantastisch.”

Julien Walther vergibt nach seinem jüngsten Besuch 8,5/10; zuvor war er auch schon mal bei 10/10.

Gastromondiale, Major Foodie, Elite Traveler und einige andere berichten interessant von ihrem Besuch.

Alexander the Guest hat ein Video dazu produziert.

Auf Forum.Restaurant-Ranglisten teilen einige Teilnehmende differenzierte Beobachtungen.

Und schließlich lohnt sich ein Blick auf Christian Baus Kolumne in Welt.

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