Row on 5: Maßgeschneiderte Kunst

Row on 5, London **
Ambiente 8,5
Service 8,5
Getränke 9
Essen 8,4
Gesamteindruck 8,6

Meine Bewertung: Das Row on 5 in der legendären Savile Row schickt sich an, nach ganz oben zu stürmen. Das kann man nach einem Besuch durchaus nachvollziehen. Hier kommen Inspiration, Genuss und Weltoffenheit zusammen. Und das bei einer der beeindruckendsten Weinkarten, die ich kenne.

Die Geschichte hinter dem Restaurant

London Calling - again and again.

Heute steht klassisch britisches Essen auf der Speisekarte. Mit möglichst modernem Touch, wenn es nach mir geht. Und es geht - mal wieder - nach mir.

Im Verlauf einer inspirierenden Suche in den einschlägigen Gourmet-Foren kristallisiert sich ein klarer Publikumsfavorit heraus: das Row on 5 in der Savile Row, einer Art Gilde des britischen Schneiderhandwerks bzw. globalem Epizentrum der traditionellen Herren-Maßschneiderei.

Die Straße wurde im 18. Jahrhundert erbaut und nach Lady Dorothy Savile benannt, der Ehefrau des dritten Earl of Burlington. Ab etwa 1790 ließen sich die ersten Schneider hier nieder, um die wohlhabende britische Oberschicht und das Militär zu bedienen. Hier wurde der Smoking erfunden und der weltweite Ruf ist inzwischen so prägend, dass das japanische Wort für einen Geschäftsanzug, „Sebiro“, phonetisch direkt von „Savile Row“ abgeleitet ist. Auch spielen die Kingsman-Filme im realen Traditionshaus Huntsman in der Savile Row.

Während hier also schon Napoleon, Churchill, die Rolling Stones sowie König Charles eingekleidet wurden, bin ich mir trotzdem nicht so sicher, einen davon heute anzutreffen. Wobei, wer weiß? So richtig ausgeschlossen ist es eigentlich nur bei den Stones, die sicher gerade wieder irgendwo auf Tour sind.

Und apropos britische Pop-/Rockgeschichte: In 3 Savile Row befand sich ab 1968 das Hauptquartier der Beatles. Hier spielten sie am 30. Januar 1969 auf dem Dach ihr legendäres, unangekündigtes Rooftop-Concert – ihr letzter gemeinsamer Live-Auftritt.

Heuer erlebt die Straße einen Wandel: Junge DesignerInnen und etablierte Häuser brechen die alten Traditionen (sanft) auf. Neben klassischen Anzügen gehören auch maßgeschneiderte Freizeitkleidung, Denim-Stücke, Lederjacken und Strickwaren zum Repertoire. Der Anzug wird nicht mehr als Pflichtkleidung, sondern als modisches Lifestyle-Accessoire zur Selbstentfaltung verstanden, was die KünstlerInnen hier auf der Höhe der Zeit umzusetzen suchen.

Aber jetzt zum Restaurant: Es heißt - wir kombinieren gemeinsam ganz scharf - Row on 5, da es erstens in der Savile Row Nr. 5 sitzt und zweitens das Akronym „ROW" auch für „Refinement of Work“ (Verfeinerung der Arbeit), steht, was sicherlich auch Handwerk und Kunst in der Küche umfassen soll.

Das Row on 5 wurde - als erstes Restaurant in dieser traditionsreichen Straße - im November 2024 vom britischen Starkoch und Gastronomen Jason Atherton gegründet. Die kulinarische Leitung übernahm Shooting Star Spencer Metzger, der davor im Londoner The Ritz gekocht hatte. Der erste Michelinstern wurde bereits im Februar 2025 verliehen – nur knapp zwei Monate nach der Eröffnung. Der zweite folgte vor ein paar Monaten bei der Verleihung 2026.

Jason Atherton kommt aus Sheffield und lernte bei Legenden der britischen Kochkunst. Bahnbrechend war seine Zeit bei Gordon Ramsay, für den er fast ein Jahrzehnt arbeitete und als Küchenchef des Restaurants Maze dessen weltweite Expansion maßgeblich vorantrieb. 2010 machte sich Atherton selbstständig und gründete die "The Social Company". Sein erstes eigenes Restaurant, das Pollen Street Social in London, wurde sofort mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Heute betreibt er ein globales Gastronomie-Netzwerk mit Restaurants in London, Shanghai, Dubai und New York.

Spencer Metzger kommt aus Essex und fing mit gerade einmal 15 Jahren als Lehrling im Ritz an. Er arbeitete sich über die Jahre bis zum Küchenchef hoch. 2019 gewann er den renommierten Roux Scholarship, einen der härtesten Kochwettbewerbe des Landes. Einem breiten Fernsehpublikum wurde er 2022 bekannt, als er die BBC-Show Great British Menu gewann.

Klingt, als entstehe hier gerade etwas ziemlich Großes. Spannend, wie sich das schlägt - auch im Vergleich zur britischen Institution The Fat Duck.

Die Erfahrung

Man nimmt die Treppen runter ins Souterrain eines der klassisch anmutenden Savile-Row-Reihenhäuser und klingelt an der Tür.

Plötzlich schwirren unglaublich viele Leute rum, man steht in einem überwältigenden Loungebereich. Hier nehme ich am Pass Platz und komme an. Motown-Sound und R&B läuft vom Band; später geht es musikalisch schwungvoll kreuz und quer durch die Jahrzehnte. Es ist ein Ort des Austausches und der Freude an gutem Essen bzw. Trinken, das merkt man schon in den ersten Minuten.

Zumal das Menü startet - mit CHEESE & ONION. Ein Petit Four mit drei Lagen aus dezenter Zwiebel, Trüffel und einem Gelee oben, alles in Käse eingebettet, sehr cremig und intensiv. Die Cracker bleiben im Mundraum haften, der Käsegeschmack auch (7,5). Mit LOUËT-FEISSER OYSTER folgt die angesprochene Auster mit Gurke, Gelee, Kaviar und Beurre Blanc. Der Happen ist wie kurz aufs Meer rausgefahren bzw. -geflogen, ganz wunderbar (8). Mit CORNISH BLUE FIN TUNA wird der nächste Gang beschrieben. Die Thunfischstücke kommen mit Yuzu, Ponzu und Wasabi. Ein Traumschmelz! Hochelegant und sehr lang (9). Ein erster Teil von INVERNESS LANGOUSTINE schließt sich in Form eines Gelees an (insgesamt s. u.).

Jetzt werde ich gebeten, umzuziehen - es geht einen Stock höher. Hier ist es kühler und weniger spektakulär als unten, aber es sitzt sich - in meinem Fall am Counter - auch sehr entspannt.

Es folgt INVERNESS LANGOUSTINE, Teil 2. Hier kommen Stücke des Kaisergranats, handwerklich klasse zubereitet und intensiv sowie elegant. Dazu gibt es eine Marmelade von süßen Tomaten mit gesalzener Ente, Curryblatt-Öl, Chili, geräuchertem Essig und Kalamansi-Zitrone. Alle Komponenten sind einzeln feststellbar und umgarnen den Gaumen, die Komplexität baut sich nach und nach auf. Vielseitig, besonders und die Mayo ist göttlich (9). Es folgt ORKNEY SCALLOP in Streifen mit Miyoga-Kraut, Ingwer, einer Sakesauce und Shisoöl. Das Gericht verströmt eine tiefe Wärme; die japanischen Noten wirken famos zusammen. Größtmögliche Eleganz und der bislang beste Shisogeschmack meines Lebens (10).

Zum SINGAPORE NATIVE LOBSTER mit Orange und Chili werden Brioche und Miso-Butter gereicht. Ein ziemlich perfekter Hummer, in jeglicher Hinsicht (8,5). JOHN DORY ‘AU POIVRE’ bildet den letzten Fischgang. Dazu gibt es Kohlrabi und zwei Saucen. Eine mit Muscheln und Meerkohl, eine mit Pfefferkorn und Ossietra-Kaviar. Ein ungewöhnlicher Eigengeschmack des Fisches macht sich hier breit, wird durch den nussig-salzigen Kaviar aber geschickt aufgefangen (7,5).

PYRENEES LAMB ist der hiesige Fleischgang: Ein Stück Lamm mit Pilzen, wildem Knoblauch, Spargel und einer Lammsauce. Letztere ist großartig tief, das Lamm selbst erstaunlich neutral, aber immer noch qualitativ bemerkenswert (8). Eine kleine Praline von Stilton-Käse mit sehr dezenter weißer Schokolade folgt. Eine originelle Idee für den Käsegang, aber ein eher unspektakulärer Happen (7). MISO & TRUFFLE heißt das Predessert und beinhaltet Gerstenmalz, rote Misopaste und schwarzen Trüffel. Ein cremiger, komplexer Traum mit Nüssen unten drin. Und gleichzeitig eines der besten Predesserts, an die ich mich zurückerinnern kann (9).

Für die Desserts geht es wieder runter in die erweiterte Lobby.

Dort warten wilde Malaga-Erdbeeren mit einem Joghurt-Parfait. Tatsächlich sind das sogar zwei verschiedene Erdbeersorten, dazu Oolong-Tee und ein Vanilleeis. Das Gericht ist zu kalt für meine Zähne; als sich das beruhigt, lassen sich schöne Erdbeernoten ausmachen. Überkomplex ist es eher nicht (7,5).

TEA & CAKE schließen das offizielle Menü. Konkret sind das solide Madeleines mit Teemousse ganz eigener Note und eine Schokoladentartelette mit Orange, Jasmin und Ingwer. Und flüssiger warmer Schokolade drin, was bei hochwertiger Schokolade immer eine Wucht ist (8,5). Die abschließenden Petits Fours sind allesamt einzig- und uneingeschränkt großartig (9).

Die hiesige Weinkarte ist der totale Wahnsinn - mit alleine 100 offenen Weinen. Die sind eher teuer bepreist, wobei sich einzelne Schnäppchen (im Sinne von normal bepreist) finden lassen. Die Sommelière ist sehr enthusiastisch und wirkt wie ein wandelndes Lexikon, nur dass das vor dem Hintergrund ihres Esprits zu uncharmant klingt. So kuratiert sie mir eine optimal zugeschnittene Begleitung, die zu begeistern vermag.

Die vielen Servicekräfte überfordern mich zunächst, aber mit der Zeit spielen sie ihre Stärken aus: gehen aufs Individuum ein (wiederholen bereitwillig mehrfach die Vorträge), zeigen großen Enthusiasmus und beachtliche Fachkompetenz, sind charmant und switchen ungefragt auf Deutsch, bedanken sich, dass man Gast war u. v. m. Ein Fehler bei der Abrechnung wird natürlich sofort ausgebügelt und dafür entschuldigt sich das Team am Ende erneut wortreich und aufrichtig. Der feststehende Servicecharge ist auch hier kein Quell frenetischen Jubels meinerseits, aber das gehört im UK nunmal dazu.

Das Row on 5 weist, was das reine Menü betrifft, Parallelen zum Jordnaer, der Referenz für Meeresfrüchte mit elaborierten Essenzen, auf. Einige der hiesigen Gänge sind auch auf Jordnaer-Niveau. Insgesamt noch nicht ganz, da zum einen die Komplexität und Länge der entsprechenden Gänge nicht ganz mit Vildgaards Erzeugnissen mithalten kann. Zum anderen, weil es - anders als im Jordnaer - einige wenige "gewöhnliche" Gänge gibt, v. a. diejenigen, deren Zutaten nicht aus dem Meer kommen. Nichtsdestotrotz haben andere Restaurants für ein vergleichbares Niveau bei den Speisen drei Sterne erhalten.

Das Row on 5 ist eine überwältigende, quirlige, facettenreiche Gesamterfahrung, bei der eigentlich alles stimmt. Das ist mindestens ein ganz starker Zweisterner. Wobei ich hiermit die Wette anbiete, dass das Row on 5 unter den nächsten drei Dreisternerestaurants des Vereinigten Königreichs sein wird. Passend zur Location vereint es bestes Handwerk mit kreativen Impulsen.

Ambiente 8,5
Service 8,5
Getränke 9
Essen 8,4

Gesamteindruck 8,6

Was die anderen sagen

Andy Hayler war ungefähr zur selben Zeit wie ich hier und vergibt 18/20 Punkte.

Major Foodie ist bei 91 Prozent.

Ungewöhnlich ist diese Review.

ProfessionalLunch ist angetan.

Auch HotDinners ist begeistert.

Wenn Dir das gefallen hat

dann sieh Dir an, was der Großraum London noch so zu bieten hat.

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