The Fat Duck: Ein ziemlich perfekter Tag

Gastrezension

The Fat Duck, Bray ***
Ambiente 7,5
Service 8,5
Getränke 8
Essen 8,2
Gesamteindruck 8,1

Meine Bewertung: In anderen Dreisternerestaurants - und auch in einigen Zweisternerestaurants - isst man besser als an diesem legendären Ort. Aber das Drumherum macht es zu etwas wahrlich Einzigartigem, zur multisensorischen Erfahrung eines ganzen Tages.

Die Geschichte hinter dem Restaurant

Das The Fat Duck wurde in einem Pub in Bray, nicht weit von London, 1995 eröffnet. Es gehört niemand geringerem als Heston Blumenthal, der neben dem The Fat Duck (drei Sterne) noch den Pub The Hinds Head (ein Stern), und Dinner by Heston Blumenthal in Dubai (ein Stern) sowie London (zwei Sterne) betreibt. Letzteres wird im Januar 2027 schließen. Zuletzt war Blumenthal in den Medien, als er über seine bipolare Störung berichtete.

Blumenthal gilt mit dem The Fat Duck als wohl größter aktiver Vertreter der Molekularküche. Dies hat ihm die Ehrenmitgliedschaft in der Royal Society of Chemistry eingebracht. Das Restaurant selbst erhielt 1999 einen Stern, 2001 einen zweiten und 2004 drei Sterne. 2014 zog es kurzzeitig nach Melbourne und verlor in der Folge seine Sterne. Nach sechs Monaten zog es zurück nach England und erhielt seine Sterne zurück. Heute zählt es zu den bekanntesten Restaurants der Welt - und denen, die eine ganz besondere Aura umgibt.

Die Erfahrung

Mein Besuch im The Fat Duck beginnt eigentlich schon rund eine Woche vorher. Ich erhalte einen Anruf aus Maidenhead, in welchem Allergien und besondere Anlässe für das Essen abgefragt werden. Beides verneine ich, frage jedoch, ob es möglich wäre, Triple Cooked Chips serviert zu bekommen.

Diese wurden von Heston Blumenthal erfunden, früher im The Fat Duck serviert, finden sich nun allerdings lediglich auf der Speisekarte des Hinds Head, zwei Häuser weiter. Man wolle versuchen, uns diese im The Fat Duck zu servieren, heißt es.

Eine Woche später sitzen wir im Zug von Paddington nach Maidenhead. Von dort nehmen wir den Bus nach Bray. Wir gehen zum Restaurant, vor welchem Mitarbeitende schon auf uns warten. Es befindet sich direkt an der Hauptstraße, die durch das Dorf führt. Nur ein schmaler Gehweg trennt es von der Straße.

Innen merkt man, dass es sich um einen alten, umgebauten Pub handelt. Die Decken sind niedrig, über jedem Tisch gibt es einen Spot als Lichtquelle. Man sitzt eng beieinander. Es ist gemütlich, aber nicht luxuriös.

Wir entscheiden uns für das Menü „The Journey“ (350 UKP pro Person), welches eine Reise ins „Hestonland“ darstellt. Alternativen wären noch „The Mindful Experience“ (weniger Essen für einen niedrigeren Preis) und „The Top Seat“ (Platz in der Küche) gewesen. An einigen Tagen wird noch „Topsy-Turvy“ angeboten, bei dem das Menü in umgekehrter Reihenfolge kredenzt wird.

Die Reise ins Hestonland soll einen Tag widerspiegeln. Wir erhalten eine Karte, auf der wir die einzelnen Stationen nachvollziehen können.

Eigentlich sollte die geneigte LeserIn hier aufhören zu lesen. Denn was folgt, sollte jede/r an Fine Dining Interessierte selbst erleben. Es ist mehr als Fine Dining, es ist auch Theater. Wer möchte schon alle Details einer Inszenierung kennen, bevor sie sich das Stück ansieht?

Für alle, die dabei bleiben: Ein Rollwagen wird an den Tisch gefahren. Wir beginnen mit den Amuse Bouches: Geschäumtes Eiweiß wird in einem Kübel Flüssigstickstoff schockgefroren. Ein Stück Orangenschale wird abgeschabt und Flüssigkeit von der Schale über eine Kerze auf das gefrorene Eiweiß gespritzt. Das ist ein bisschen Klimbim. Im Mund erinnert das Eiweiß von der Konsistenz an ein Sorbet und zerfällt sehr schnell. Das schmeckt sehr gut, auch wenn hier deutlich die Show im Vordergrund steht (8). Danach gibt es einen Klassiker des The Fat Duck. Ein Macaron aus Roter Bete und Meerrettich. Die Rote Bete ist schön knusprig, während der Meerrettich eine angenehme Schärfe beisteuert. Die Freude auf die nachfolgenden Gänge wächst (8). Dann erhalten wir einen Teller, der uns als „Tonic“ angekündigt wird. Darauf finden sich verschiedene grüne Früchte, Gemüse und ein Sellerie-Sorbet. Dazu Käse, Kreuzkümmel, Martini und Gin. Geschmacklich steht vor allem grüner Apfel im Vordergrund. Das ist nicht meine Lieblingszutat, aber es ist mehr als ordentlich (7,5). Die eigentliche Tageserzählung beginnt nun - mit einem weiteren Klassiker des The Fat Duck, dem „Hot and Cold Tea“. Uns wird ein kleines Glas mit Tee gereicht. Im Mund erlebt man eine Überraschung, denn er ist sowohl heiß als auch kalt. Wie soll man solche Gerichte bewerten? Das soll niemand falsch verstehen, das ist ein netter Tee, aber geschmacklich keine Bombe. Der Anspruch des Restaurants ist jedoch, eine multisensorische Erfahrung zu schaffen. Hieran soll es dann auch gemessen werden. Und die Erfahrung wird mir lange, lange im Gedächtnis bleiben. Vor diesem Hintergrund ist der Tee unglaublich (10), der Witz der Bedienung („War der Tee zu heiß oder zu kalt?“) wirkt jedoch ein wenig sehr abgespult.

Wir nehmen nun unser Frühstück zu uns. Es handelt sich um einen weiteren Klassiker, die „Breakfast Cereals“. Uns werden mehrere Packungen Cerealien gereicht, wir sollen uns eine aussuchen. Inhaltlich unterscheiden sie sich laut Servicekräften nicht. Die Cerealien werden in die „Milch“ gegeben - die besteht aus einer puddingartigen Eiercreme. Sie schmecken nach knuspriger Schweinehaut, etwas Tomaten und Pilzen. Gerade das Schwein spielt hier geschmacklich die Hauptrolle. Das Gericht funktioniert als Showeinlage und als Essen ausgesprochen gut (9).

Weiter geht es zum Strand. Weil Herr Blumenthal immer Kind geblieben ist, gibt es zunächst erstmal Eis. Aber Heston wäre nicht Heston, wenn es normales Eis wäre. Es besteht aus Vanille und Krabbe, dazu gibt es eine Pfeffersauce. In der Eiswaffel versteckt sich zudem eine Maracujacreme. Das ist alles ziemlich abgefahren und schmeckt. Die Waffel ist auffallend kross, ansonsten dominiert die Krabbe (8). Wir bleiben am Strand und gehen näher ans Meer. Für „Sound of the Sea“ setzen wir uns Kopfhörer auf. Wir hören Möwen und Kinder. Ein Teller wird serviert, auf dem auf der einen Seite „Sand“ aus Brot liegt. Darauf drapiert finden sich, neben Salat und Kräutern sowie Miso, unterschiedliche Fischfilets. Auf der anderen Seite „Gischt“, wohl aufgeschäumtes Gemüse. Auch wenn ich nicht unbedingt eine zweite Portion haben möchte, schmeckt das alles zusammen herausragend. Entsprechend des multisensorischen Anspruches ist es eine Anrichtung für die Ewigkeit (10).

Vom Strand begeben wir uns in den Wald auf einen Spaziergang („Walk in the Woods“). Es ist offenbar noch morgens, denn ein Glas mit einer Waldszene wird auf den Tisch gestellt, in dem von Trockeneis verursachter Nebel wabert. Das Glas wird angehoben und die Nebelschwaden verteilen sich über den Tisch. Vor uns steht ein Stück Waldboden. Mit Würmern, Blättern, Pflanzen, Erde und Baumrinde. Der Waldboden besteht aus Roter Bete und unterschiedlichen Pilzen, inklusive schwarzem Trüffel und Morcheln. Auch Eichenmoos, Mädesüß und Feige sind verarbeitet. Es macht einfach Spaß, zu erkunden, was sich wohl unter der Rinde versteckt. Die Würmer scheinen im Übrigen echt zu sein. Sie sind kross, schmecken aber nicht nach viel. Der Rest aber schmeckt wunderbar umami, erdig (Überraschung!) und wird lange im Gedächtnis bleiben. Auch hier ist die Anrichtung grandios, allenfalls im Alchemist gibt es ähnlich spektakuläre Gänge (10). Sodann erhalten wir Vollkorn- und Sauerteigbrot mit Butter. Das Brot ist auf einem hohen Niveau, vergleichbar mit dem besten, was man in Deutschland erhält. Die wunderbar cremige Butter ist aber der eigentliche Star, von der wir mehr bestellen (9). Weiter geht es mit dem Hauptgang. In der Geschichte handelt es sich wohl um ein normales Mittagessen, denn die Präsentation fällt deutlich ab. Sie ist nicht ansatzweise so spektakulär wie die vorangegangenen Gerichte, sondern sieht aus wie viele andere Gänge in einem französischen Sternerestaurant. Ich hatte mich gegen das Fleisch und für den Fisch entschieden. So bekomme ich Steinbutt mit einer Petersiliensauce. Dazu gibt es Spargel, Muscheln und ein Pilzsorbet. Die Sauce ist angenehm cremig, der Fisch auf den Punkt gegart und sehr bissfest. Hieran gibt es nichts auszusetzen (8).

Obwohl Ostern bereits rund eine Woche her ist, gibt es als Teil des Osterprogramms von The Fat Duck noch ein Predessert mit entsprechenden Anleihen. Es handelt sich um ein an ein weißes Ü-Ei erinnerndes Ei, welches auf einem aus Orangen gemachten Nest thront. Die Idee kam Heston, als er gebeten wurde, Gänge zu italienischem Wein zu kreieren. Der Kontrast des gelben Weins mit weißem Panna Cotta erinnerte ihn wohl an Eier. Im Ei befindet sich ein Mandarinenpüree, der französische Likör Grand Marnier, Mandel, Thymian, eine Reduktion von Zitrus und ein Kaffeeparfait. Als Sauce gibt es Verjuice. Die Orangennoten und die Schokolade stehen im Vordergrund. Die Füllung des „Egg in Verjuice“ ist angenehm cremig und limonenartig. Extrem gut (9). Es ist offenbar spät und bald Schlafenszeit. Der Spot für unseren Tisch wird bläulich gedimmt. Wir kriegen noch eine Milch. Ich schmecke nichts Besonderes und abseits der Geschichte erschließt sich dieser Gang mir nicht (5). Wir setzen Schlafmasken mit dem Konterfei von Heston auf. Kurze Zeit später werden wir gebeten, sie wieder abzusetzen. Wir träumen. Vor uns steht ein Kissen, welches dank Luftdruck schwebt. Darauf befinden sich malzige Baisers. Vor uns ein Teller mit Kokosnuss verschiedener Texturen und weißer Schokolade. Unser Löffel ist umwickelt und riecht nach Babypuder. Auch auf dem Tisch befindet sich eine Flasche „Babypuder“, welches wir über unserem Teller zerstäuben können. Hier steht ganz offenbar die Präsentation im Vordergrund, denn der Geschmack ist es nicht. Es schmeckt ein bisschen nach Kokos, sonst eigentlich nach nichts. Das Denkwürdigste an diesem Gang ist, dass wir es gleich zwei Mal schaffen, den Luftstrom des Kissens zu unterbrechen, woraufhin es auf dem Boden landet (5).

Nun wird uns eine Getränkekarte gereicht. Wir entscheiden uns für vorzügliche heiße Schokolade (9), bevor der letzte „Gang“ ansteht: „Like a kid in a sweetshop“. Ein Miniaturhaus wird herangefahren, welches grob dem The Fat Duck nachempfunden ist. Dieses wird aufgeklappt, das Haus verbirgt eine große Anzahl an Schubladen. Wir werfen eine Münze in einen Schlitz und „unsere“ Schubladen öffnen sich. Die darin befindlichen Süßigkeiten werden uns in eine Tüte eingepackt. Wir essen sie erst am nächsten Tag: eine Spielkarte aus Schokolade und Himbeere (8,5), Hestons Version von After Eight (8), Schokolade mit Tabak (9) und ein Bonbon mit essbarem Bonbonpapier (7).

Nach rund vier Stunden fragt mich die Kellnerin beim Bezahlen, was unsere Pläne für den Rest des Tages sind. Ich sage, dass wir noch in den Hinds Head wollen, um die Triple Cooked Chips zu probieren. Sie besteht darauf, mit uns rüberzulaufen. Sie stellt uns als Gäste von The Fat Duck vor und sagt, warum wir da sind. Wir machen aber zuerst noch einen kleinen Spaziergang durch Bray. Der Ort ist ein geradezu klischeehaftes englisches Dorf - eine Hauptstraße, alte Häuser, eine Kirche mit wildem Friedhof. Dann zurück ins Hinds Head. Das ist ein angenehmer britischer Pub. Eine Familie mit Kleinkind sitzt an einem Tisch, an einem anderen spielen Gäste Karten.

Die Pommes werden serviert. Heston hat diese entwickelt, weil er die besten Pommes der Welt machen möchte. Letztlich werden sie – wie der Name andeutet – dreifach frittiert. So soll es mehr Oberfläche an den Kartoffelstäben geben, die es dem Öl erlauben, einzutreten und die Pommes besonders knusprig zu machen. Und es sind die besten Pommes der Welt! Außen wunderbar knusprig, innen cremig. Sie werden mit einem Kartoffeldip (!) serviert, was überraschenderweise gut passt. Als ich zahlen möchte, wird mir erklärt, dass die Pommes aufs Haus gehen.

Was ist also von The Fat Duck zu halten?

Der Service ist freundlich, aber nicht besonders herzlich, sondern in erster Linie professionell. Dass man uns noch in den Hinds Head bringt und uns dort einlädt, reißt aber noch mal ordentlich was raus. Die Getränkekarte ist umfangreich und beeindruckend, aber hochpreisig. Es gibt nur wenige Weine im offenen Ausschank.

Und das Essen? Auch wenn die paar richtig niedrig bewerteten, völlig unspektakulären Gerichte den Schnitt mehr drücken, als es sich eigentlich richtig anfühlt: Ich habe in anderen Dreisternerestaurants schon besser gegessen. Wenig hätte ich direkt nachbestellt. Aber das Drumherum macht es zu etwas Einzigartigem, was es nur in Bray gibt und den Anspruch an eine multisensorische Erfahrung mehr als erfüllt. Es sei jedem, der sich für Fine Dining interessiert, ans Herz gelegt.

Ambiente 7,5
Service 8,5
Getränke 8
Essen 8,2

Gesamteindruck 8,1

Was die anderen sagen

EatingReallyWell hat ein differenziertes Bild.

Kevin beschreibt sehr ausführlich.

Elizabeth ist begeistert.

Andy Hayler mit 18/20 Punkten.

The Discerning Epicure mit 4,5/5.

Gourmör ist berauscht.

Das Filet: “Auch wenn manche Ideen so gut waren, dass sie von schier zeitloser Aktualität zu sein scheinen, so wirkt das Essen hier streckenweise wie ein Besuch im Museum.”

und damit sind noch längst nicht annähernd alle Berichte zu dieser Legende aufgeführt.

Wenn Dir das gefallen hat

dann schau Dir doch an, was der Großraum London sonst so zu bieten hat.

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